New York City - Here we are! - Home Is Everywhere

von Christina Antoniadou

 

 

Meine jüngste Tochter, ihre Busenfreundin und ich beschließen, über den großen Teich zu fliegen und dort meine älteste Tochter zu besuchen, die an der Universität in Pittsburgh ihre Doktorarbeit schreibt. Und da wir uns schon einmal die Mühe machen, wollen wir auch etwas mehr von den Staaten sehen. Wie sonst selten sind wir uns in einem einig, nämlich was dieses „mehr“ darstellen soll: New York City. Die amerikanische Tochter wird aus Pittsburgh auch dazu stoßen, denn schließlich hat Hollywood diesbezüglich ganze Arbeit geleistet und uns neugierig gemacht. Wie oft durften wir diese Megastadt schon als Drehort für Filme und Serien bestaunen! Folglich sitze ich mit mehreren Reiseführern am Computer, um unseren 8-tägigen Aufenthalt in New York möglichst effektiv zu planen und nichts dem Zufall zu überlassen. Als geeignete Geräuschkulisse wähle ich zwecks Inspiration Frank Sinatra und Alicia Keys mit ihren gleichnamigen Liedern.

Das Hotel will gut ausgesucht sein, darum entscheide ich mich für eins in der 50th Street, dessen Lage mir strategisch günstig erscheint. Bei unserer Ankunft werden wir nicht enttäuscht und bekommen statt zwei Doppelzimmer sogar eine Suite mit Balkon. Wie großzügig vom Kimberly Hotel! Herzlichen Dank, auch für den direkten und vortrefflichen Blick auf eins der bemerkenswertesten Hochhäuser New Yorks, auf das Chrysler Building. Überwältigt von dem Anblick um uns herum, aber auch von den unzähligen, kleinen, gelben Taxen, die Dutzende von Stockwerken unter uns wie winzige Matchbox-Autos hintereinander herfahren, können wir unser Glück kaum fassen. New York City, here we are!

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Um auf meine effektive Planung mit Hilfe der Reiseführer – allesamt ausführliche Bücher von exquisiten Verlagen – zurückzukommen: Darunter ist zu verstehen, dass alle Beteiligten eins aufweisen müssen: Energie. Möglichst viel davon. Was die Stadt an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, wird nämlich in zeitsparender Form besichtigt und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Jeglicher Versuch, geschunden am Bordstein zu verweilen, mit schmerzverzerrtem Gesicht um Erbarmen zu flehen oder die Blasen an den Füßen abzuzählen gelten als einfältiges Ablenkungsmanöver, denn die Reise steht unter folgenden Mottos: Nur keine Müdigkeit vorschützen! Wer weiß, ob und wann wir wieder hierher kommen! Wisst ihr eigentlich, was mich diese Reise für uns alle gekostet hat? Ich bin schließlich älter als ihr und mache auch nicht schlapp. Also weiter geht´s und ich will nichts mehr hören. Ist das klar?

Kurzum, der Bedarf an Sehenswürdigkeiten soll gedeckt werden, und zwar vollständig. Dies könnte unter Umständen dazu führen, dass nach dem New York-Urlaub allein schon die Andeutung des Begriffs „Museum“ Übelkeit verursacht. Wir stehen lange, fast schon zu lange Schlange, um in die erstklassigen Museen New Yorks hineinzugelangen: Metropolitan Museum of Art, MOMA, Guggenheim, Frick Collection.

Wenn unter Touristen die Rede von New York ist, haben sie damit in erster Linie Manhattan im Sinn, die Insel, die vom Hudson River, dem East River und im Norden dem Harlem River umflossen wird. Εrst dann gilt das Interesse den boroughs Brooklyn, Queens, The Bronx oder gar Staten Island. Bei so viel Wasser kommt man nicht umhin, von dem Angebot der Circle Line Gebrauch zu machen und während der Bootsfahrt auch die Freiheitsstatue aus der Nähe zu bewundern. Die sympathische Stimme aus dem Lautsprecher, die uns schon geraume Zeit Details über New York City zukommen lässt, erklärt uns nun netterweise, dass diese Dame aus Kupfer von keinem geringeren als dem französischen Ingenieur Gustave Eiffel errichtet wurde.

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Frei nach dem Motto „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ wollte sich das französische Volk im Jahre 1886 mit dieser kleinen Aufmerksamkeit bei den Vereinigten Staaten erkenntlich zeigen. Seitdem steht sie im New Yorker Hafen zu majestätischer Größe aufgerichtet, reckt unermüdlich die rechte Hand hoch, um der Welt aus Nah und Fern ihre Fackel mit der vergoldeten Flamme zu zeigen und muss dabei unerschütterlich wirken, auch wenn sie regelmäßig von Blitz oder Hagel getroffen, von Schnee bedeckt und von starken Winden heimgesucht wird. Die nette Stimme aus dem Lautsprecher erwähnt Wetterphänomene, die bei den momentanen Temperaturen nur schwer vorstellbar sind. 35 Grad Celsius sind schon lange überschritten und es ist einfach nur siedend heiß!

Der Central Park gehört ohne Zweifel zu New Yorks Hauptattraktionen, und zwar nicht nur aufgrund der Tatsache, dass dort eine immense Anzahl an Filmen gedreht wurde, wie beispielsweise Love Story, When Harry met Sally, Home Alone, Kramer vs Kramer, Breakfast at Tiffany’s. Die amerikanische Tochter weiß aus Erfahrung, dass man die Größe des Parks nicht unterschätzen sollte und sich die „grüne Lunge“ nur bedingt zu Fuß erkunden lässt. Also werden kurzerhand Fahrräder gemietet, um diese grandiose Anlage bei sonnigem Wetter zu genießen.

Wir fahren an der gigantischen Grünfläche „Sheep Meadow“ vorbei, auf der sich Einheimische und Touristen vom Großstadtdschungel erholen und einfach nur dem Hintergrundrauschen des Großstadtgetümmels lauschen. Männer in bürogerechter Aufmachung sitzen auf Bänken und arbeiten am Laptop. An der Bow Bridge legen wir eine Pause ein und halten Ausschau nach verliebten jungen Männern mit Blumenstrauß in der Hand, die ihrer Liebsten einen Heiratsantrag machen, was sich an dieser Brücke laut Reiseführer des Öfteren zutragen soll. Allerdings scheint sich heute kein Anwärter zu diesem Schritt durchgerungen zu haben. Vermutlich hat es sich bei den Kandidaten herumgesprochen, dass Horden von Touristen mit Kameras ausgestattet darauf warten, Momente wie diesen zu verewigen, sodass sich das Stelldichein verlagert hat. Schließlich gibt es im Central Park Brücken genug dafür. Man kann es ihnen nicht verübeln. Schade eigentlich, denn da ich selber nie in den Genuss eines offiziellen Heiratsantrages mit Blumenstrauß usw. gekommen bin, würde ich das gern einmal in Natura erleben, auch wenn der Kniefall nicht mir persönlich gilt. Stattdessen darf ich mir als Musik-Liebhaberin „Strawberry Fields“ näher anschauen, ein Imagine-Mosaik, das Yoko Ono nach dem Tod von John Lennon gestaltete. Der berühmte Beatle-Sänger fiel hier ganz in der Nähe am Dakota Building einem Attentat zum Opfer.

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Apropos Promis, es heißt, dass viele Hollywoodstars in dieser sündhaft teuren Nachbarschaft wohnen und darum oft im Park joggen, so wie es Jahre später einer der Spitzenschauspieler tun wird und sich mit den Worten Hi, I am Tom Hanks verschwitzt auf ein Hochzeitsfoto drängelt. Das frisch gebackene Hochzeitspaar hatte gerade ein Fotoshooting und posierte nichts ahnend in die Kamera, als sich Forest Gump einfach zu dem verdutzten Paar dazugesellte.

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Unsere Fahrradtour geht weiter zum Belvedere Castle, das den höchsten und schönsten Ausblick im Central Park bietet und förmlich zum Einlegen einer Pause einlädt. Danach radeln wir weiter Richtung Norden, wo mir die Größe des Parks erst wirklich gewahr wird, als ich bei Temperaturen um 35 Grad einen Hügel hochstrample und dabei außer Atem feststellen muss, dass es Zeiten gab, in denen ich auch schon einmal fitter war. Als Älteste und mit Abstand die Unfitteste im Fahrrad-Bunde hechele ich meinen Gören schwitzend hinterher und stelle eine hurtige Kopfrechnung an, um das Ende der Tortur abzuschätzen. Schon jetzt weiß ich, was mir bevorsteht, sobald ich als Allerletzte und völlig erschöpft ins Ziel radeln werde. Mit gleicher Münze werden sie mir dank meiner pädagogischen Fahrlässigkeit den Sightseeing-Marathon der letzten Tage heimzahlen und sich dabei des Spruches bedienen, mit dem ich ihnen bei aufkommender Gefahr einer Meuterei in den Ohren gelegen habe. Schon von weitem höre ich ein schadenfrohes Nur keine Müdigkeit vorschützen! Das muss man als Mutter nun einmal hinnehmen. Sowie den Muskelkater, der mir am nächsten Tag bevorsteht.

Zum Glück ist der nächste Tag mit weniger sportlichen Aktivitäten versehen, sodass mein Muskelkater nicht gravierend ins Gewicht fällt. Für mein Leben gern nutze ich bei solchen Reisen die Gelegenheit, eine Stadt von oben zu bewundern und damit meine ich sicher nicht von einer Bergspitze aus. Alles, was ein unweigerliches Bergsteigen zur Folge haben könnte, wird ausgeschlossen, wie der werte Leser erkannt haben dürfte. Darüber hinaus bietet sich diese Option in New York ohnehin nicht an. Hier werden andere Mittel genutzt. Nicht umsonst befinden wir uns in einer Stadt mit Wolkenkratzern, sodass der Ausblick von einem Observation Deck oder von einem Tower aus zu einem unvergesslichen Erlebnis wird. Wir besteigen zuallererst das Rockefeller Center. Top of the Rock heißt die Plattform und bietet eine spektakuläre Aussicht auf den Central Park und das Empire State Building. Was wäre New York ohne diese Aussicht? Nicht auszudenken!

Überall ist das dazugehörige, weltbekannte Foto Lunch atop a Skyscraper zu sehen. Es ist 1932 während der Entstehung des Rockefeller Centers aufgenommen worden und hat elf Männer in schwarz-weiß eingefangen, wie sie auf einem Stahlträger ihre Mittagspause halten und dabei unbehelligt ihre Füße über den Straßen von Manhattan baumeln lassen, als wäre es das Normalste der Welt, über der abgrundtiefen Kluft Butterbrote zu essen und Zigaretten zu rauchen. Jedes Mal, wenn ich das Foto mit diesen Männern in Schwindel erregender Höhe ohne jegliche Sicherungen frei sitzen sehe, bekomme ich nasse Hände. Die Leichtigkeit der Arbeiter ist schwer nachzuvollziehen, auch wenn die nordamerikanischen Mohawk-Indianer dafür bekannt sind, dass sie als schwindelfreie, unerschrockene „Skywalker“ an der Errichtung der New Yorker Skyscraper mitgewirkt haben. Trotzdem bringt das Foto den Beobachter auf den Gedanken, es könnte sich um eine Fotomontage handeln. Nichtsdestotrotz ist das Foto nunmehr ein Symbol der Zeitgeschichte, in dem Sehnsüchte und Tragödien, Träume und Mühen des American Dreams gleichermaßen vereint sind. Diese Zeit ist durch die Einwanderung und einen beispiellosen Bauboom geprägt, während dessen nicht nur das Rockefeller Center, sondern auch das Empire State Building entstanden sind. Für den Besuch beider Gebäude müssen wir übrigens wieder elend lange in einer elend langen Schlange warten.

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Und da wir schon dabei sind, die Stadt von oben zu betrachten, wollen wir dies auch von unserem Hotel aus tun. Ganz oben gibt es eine rooftop experience, übersetzt bedeutet es nichts minder als eine ausgezeichnete Bar mit sensationeller Sicht, in die wir eines Nachmittags nach gefühlten 50 km straßauf, straßab einkehren möchten, um vor der Abendtour eine kurze Pause einzulegen und uns ein Erfrischungsgetränk zu genehmigen. Schwitzend und Birkenstock beschuht stehe ich – dem bekannten Struwwelpeter nicht unähnlich – an dem Schild, das meinen Tatendurst zu bremsen vermag, da es mir unmissverständlich zu verstehen gibt „Wait to be seated“. Also warte ich, wie mir geheißen, während die drei jungen Weggefährtinnen etwas im Abseits stehen und aufs Äußerste gespannt sind, welchen Verlauf die Angelegenheit nimmt. Ein adrett gekleideter Herr erscheint mit einem einnehmenden Lächeln, das sich zusehends verliert, als sein Blick auf meinen zwar bequemen, dennoch nicht gerade vorteilhaft aussehenden Sandalen mit Korkeinlage halt macht. Es hat sich in der Welt törichterweise herumgesprochen, wie die Träger dieser Sandalen geografisch einzuordnen sind, was nicht gerade zum Abbau von Vorurteilen führt. Im Gegenteil. Der akkurat gekleidete door keeper macht mich dezent darauf aufmerksam, dass ein gewisser dress code vorgesehen und somit angebracht sei, dabei räuspert er sich diskret und lässt seinen Blick erneut nach unten wandern, dieses Mal ohne an meinem gehbaren Kork-Untersatz halt zu machen. Ein Gentleman, der es zu vermeiden vermag, mich in Verlegenheit zu versetzen. Auf meine Frage, ob der dress code auch dann vonnöten sei, wenn man nur ganz kurz ein schlichtes sparkling water zu sich nehmen wolle, fällt die Antwort dergleichen schlicht aus: Even then!

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Am nächsten Abend stellen wir es geschickter an, hüllen uns in das Feinste, was sich möglichst faltenfrei aus dem Koffer herauszaubern lässt und staksen zum Eingang der Bar. Der door keeper ist überaus zuvorkommend und führt uns an den Tisch. Nichts deutet daraufhin, dass er uns wiedererkannt hat – wie sollte er auch? Nach solch einer Metamorphose!

www.youtube.com/watch?v=BT4RIDI7z

 

Herzlichen Dank an Ute Petkakis für das Gegenlesen!

 

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