7. Weihnachten auf der Südhalbkugel - Home Is Everywhere

von Christina Antoniadou

 

Es ist Mitte November und in Südafrika weihnachtet es schon sehr. Auf einem der größten Plätze Johannesburgs benannt nach Südafrikas größtem Mann, dem Nelson Mandela Square, steht außer der sechs Meter hohen bronzenen Figur Mandelas auch noch ein Weihnachtsbaum mit gebührender Beleuchtung, passend zur Weihnachtszeit. Es handelt sich allerdings nicht um einen hochgeschossenen Tannenbaum mit Lämpchen und bunter Dekoration. Wie angewurzelt stehe ich da und schaue mit verhaltener Ehrfurcht auf etwas, was ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und fasse es kaum. Dem afrikanischen Umfeld entsprechend hat man von einem spitzen Tannenbaum abgelassen und sich der Einfachheit halber für einen gedrungenen Baum entschieden, der typisch für diesen Kontinent ist, nämlich den Baobab, der auch afrikanischer Affenbrotbaum genannt wird. Die Weihnachtslichter an seinem relativ kurzen, extrem korpulenten Stamm und an den unförmigen Ästen der ausladenden Krone vermitteln eher den Eindruck, dass der Baum verkehrt herum steht, denn die Äste sehen aus wie ein Wurzelsystem.

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Überrascht darüber, dass ein Weihnachtsbaum eben nicht immer ein Tannenbaum sein muss, überlege ich, ob wohl auch das dazugehörige Weihnachtslied umgeschrieben wurde und die südafrikanischen Kinder im Chor „Oh Baobab“ singen, was von der Anzahl der Silben her sogar wunderbar passen würde. Ich steuere auf den Baum zu, um ihn aus der Nähe zu inspizieren. Mein Blick bleibt an dem hängen, was unter dem Baum steht, ebenfalls in weihnachtliche Lichterketten gehüllt.

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Es ist nicht etwa eine Krippe mit den bekannten Figuren, weder Maria noch Josef sind weit und breit zu sehen, geschweige denn das heilige Kind. Unter dem Baum stehen zwei Tiere. Aber nicht etwa der Ochs oder der Esel, die in Betlehems Stall als Heizkörper fungierten. Überhaupt erinnert nichts an die Krippe, die in allen Kaufhäusern Deutschlands und vermutlich auch Europas zu günstigen oder weniger günstigen Preisen angeboten wird. Ganz im Gegenteil, die Tiere, die unter dem Baum stehen – und da gehe ich jede Wette ein –, waren bestimmt noch nie in Betlehem oder in Nazareth und haben jeweils ein großes dickes Horn auf der Schnute. Es sind zwei Nashörner, eine Mama-Rhinozeros und ein Baby-Rhinozeros.

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Ich bin überwältigt von der Idee, dass man sogar Weihnachten einen Hauch von Exotik bzw. Savanne verleihen kann, wenn man nur will. Nicht minder erstaunt sind die Touristen aus aller Herren Länder, die sich zu den Nashörnern gesellen, um für alle Ewigkeit abgelichtet zu werden und das Foto zu Hause als Beweismittel zu verwenden, denn wie sonst soll diese Geschichte vom unteren Zipfel Afrikas zu Hause glaubwürdig ankommen! Auch ich mache ein Foto davon und ernte dafür bei Facebook die drolligsten Kommentare.

Im dazugehörigen, angeblich größten Einkaufscenter der südlichen Hemisphäre Sandton City drehe ich noch ein paar Runden und sehe in den Schaufenstern bauchfreie Tops oder Bikinis tragende Puppen, die inmitten von geschmückten Plastik-Tannenbäumen stehen. Irritiert schaue ich mich um, denn allzu gern wüsste ich, ob es anderen Leuten, wenigstens den Touristen, die ich eben noch erspähen konnte, nicht ähnlich geht. Doch alle Blicke sind auf drei Mädchen in genau diesen bauchfreien Tops gerichtet. Groß, bildhübsch mit schmalen Hüften, seidenglänzender brauner Haut und dem für Afrikanerinnen typisch abstehenden Po schweben sie an uns vorbei und ich könnte schwören, dass eine wie Naomi Campbell aussieht. Was für eine Augenweide! Kein Wunder, dass sich niemand an der Kombination Weihnachtsdekoration plus Strandkleidung in den Schaufenstern stört. Bei dem Anblick! Kaum sind die Gazellen außer Sichtweise, kommt wieder Leben in die Mall und auch ich setze mich in Bewegung. Ich muss noch etwas besorgen, darum gehe ich zum Supermarkt, in dessen Gängen heute allerdings ein heilloses Durcheinander herrscht. Auf dem Boden stapeln sich etliche Pappkartons und als ich mir den Weg durch die noch eingepackten Waren bahne, sehe ich zwei Angestellte, die kurzärmlige T-Shirts tragen, in die Kartons greifen, Weihnachtsmänner in allen möglichen Größen herausholen und sie nebeneinander in die Regale stellen.

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Für einen Europäer, der erst seit sechs Wochen in Johannesburg lebt, ist das Bild zweier Schwarzafrikaner, – um möglichen Missverständnissen zuvorzukommen, hierzulande ist der Begriff black nicht nur politically correct, sondern dient auch offiziell der Identifizierung der Personen – die bei 30 Grad Hitze und in Sommerkluft Weihnachtsmänner sortieren, zugegebenermaßen etwas absonderlich. Die Tatsache, dass sie sich dabei angeregt in einer Bantusprache unterhalten und sich derer lustig klingenden Schnalzlaute bedienen, während im Hintergrund Kling Glöckchen, Klingelingeling ertönt, lässt das Bild noch bizarrer erscheinen. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, weil ich im nächsten Gang die typischen Adventskalender sehe – die aus Pappe, die in jedem deutschen und mittlerweile wohl auch in jedem europäischen Supermarkt erhältlich sind – und zu denen sich Lebkuchen und Marzipan gesellt haben. Zwölf Flugstunden entfernt und trotzdem ist dafür gesorgt, dass Deutsche kein Heimweh bekommen, was übrigens auch für die Briten gilt.

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In Reih und Glied stehen nämlich unzählige Kartons mit Christmas Crackers, die bei keiner englischen Weihnachtsfeier fehlen dürfen. Wenn man an beiden Enden dieser Knallbonbons zieht, explodieren sie in der Mitte mit einem Päng, brechen ungleich und das herausfallende Geschenk darf der Gewinner behalten. Christmas Pudding und Traditional Christmas Cake, eine Art Früchtekuchen, warten ebenfalls auf Käufer. Als ich später beim Bäcker sogar auf Melomakarona und Kourabiedes stoße, bin ich völlig perplex. Diese typisch griechischen Süßigkeiten gibt es anscheinend nicht nur in der Heimat zu Weihnachten, sondern auch hier, denn die griechische Kolonie zählt in Südafrika sage und schreibe 40.000 Leute, habe ich mir sagen lassen. Belustigt höre ich der schwarzen Verkäuferin zu, wie sie gerade eifrig versucht, einer neugierigen Kundin zu erklären, was es mit den Melomakarona auf sich hat, diese sich jedoch nicht zufrieden geben will und darum wiederholt die Frage stellt Ok but what is inside? Mit einem anerkennenden Kopfnicken stelle ich fest, dass hierzulande die Weihnachtsrituale ganz schön vermischt worden sind bzw. wunderbar nebeneinander existieren.

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Mein Spaziergang durch die weihnachtliche Landeskunde Südafrikas geht weiter. Auf einem anderen Platz steht ein Männerorchester unter einem riesigen künstlichen Weihnachtsbaum und spielt Weihnachtslieder. Die Musiker blasen eifrig in ihre Blechinstrumente, aus denen I’m dreaming of a White Christmas heraustönt, und erweisen damit Bing Crosby alle Ehre, der beim Singen der weißen Weihnacht sicherlich etwas anderes im Sinn hatte.

Vorbeilaufende Passanten bleiben für ein paar Momente stehen. Versonnen erfreuen sie sich der Lieder und summen mit, ohne auch nur im Entferntesten dem Gedanken nachzugehen, dass ihre momentane Aufmachung in Shorts und Flip Flops – einige laufen sogar barfuß herum, was in Südafrika Gang und Gäbe ist – nicht gerade mit dem Inhalt des Textes einhergeht. Es folgen bekannte Töne wie Leise rieselt der Schnee oder Stille Nacht, heilige Nacht und ich frage mich ernsthaft, ob sich jemand in diesem Land auch nur ansatzweise mit den lyrics dieser Lieder auseinandergesetzt hat.

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In Südafrika wünscht man sich gleichzeitig ein frohes Weihnachtsfest und schöne Sommerferien – sozusagen in einem Atemzug. Die 6-wöchigen Sommerferien beginnen Anfang Dezember und erstrecken sich bis Mitte Januar. Nach den sommerlichen Weihnachtsferien oder den weihnachtlichen Sommerferien stolpere ich in der Mall über die nächste jahreszeitbedingte Überraschung. In den Geschäften warten Hefte, Stifte, Spitzer, Radiergummis, Buntstifte und Schultaschen darauf, den Schülern zu Schuljahresbeginn eine Freude zu machen. Es ist einleuchtend. Eigentlich ist es einleuchtend. Nach den Sommerferien kommt das neue Schuljahr. Natürlich.

Wie der werte Leser nur unschwer erkannt haben dürfte, setzen sich die südafrikanischen Ferien aus Weihnachtsbaum, Strand und Sonnenbrand zusammen! Das übliche südafrikanische Weihnachtsszenario ist Urlaub im Ferienhaus, kombiniert mit Strandurlaub, möglichst in Cape Town, Hermanus oder Plettenberg Bay. Da es bis zu Weihnachten noch wärmer werden soll, tun mein Mann und ich gut daran, uns mit Sonnenliegen für unseren Garten auszurüsten. Bei 28 Grad Celsius und die große Hitzewelle erwartend suchen wir ein Geschäft mit Gartenmöbeln auf und legen uns dort schweißgebadet, dafür aber mit prüfendem Blick, auf je eine Sonnenliege.

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Mit Wonne sehen wir schon den Vorzügen eines Gartens mit Pool entgegen, da hallt es plötzlich kräftig aus den Lautsprechern: It’s beginning to look a lot like Christmas. Der verstörte Gesichtsausdruck meiner besseren Hälfte bedarf keiner Erklärung. Ebenso die unansehnlichen Schweißflecken, die sich auf unseren T-Shirts gebildet haben. Der Ausdruck „skurril“ trifft die Situation vermutlich am ehesten, auch „absonderlich anmutend“ beschreibt sie aufs Vortrefflichste …

 

F R O H E   W E I H N A C H T E N   A L L E R S E I T S !

 

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Herzlichen Dank an Ute Petkakis für das Gegenlesen!

 

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Beitragsbild:www.wallpaperplay.com

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