26. Von Verkalkung, Kalkablagerung und Ähnlichem - Home Is Everywhere

von Christina Antoniadou

 

Was Operationen angeht, kann ich mich bis jetzt – klopf auf Holz – glücklich schätzen, denn ich habe nur die Standardeingriffe machen lassen. Im zarten Alter von nur 9 Jahren wurde ich ins Opladener Krankenhaus eingewiesen, wo man mir den Blinddarm herausnehmen sollte, ihn aber törichterweise nicht auf Anhieb fand und sich darum auf etwas ungeschickte, ich möchte fast sagen ungehobelte Art und Weise nach dem Motto lost and found auf die Suche nach ihm begab. Als bleibendes Andenken daran wurde mir eine Riesennarbe am Bauch vermacht, die auch noch mit zwei Querbalken versehen ist. Das Ganze erinnert an ein Päckchen, das mit braunem Klebeband kreuz und quer versehen ist, damit es auch ganz bestimmt wohlbehalten zu Weihnachten beim Empfänger abgeliefert wird. Dieses Gebilde auf meinem Bauch hat sich im Laufe der Jahre nicht gerade verkleinert und bietet eigentlich nur den Beweis dafür, dass einige Chirurgen sich gehörig in der Wahl ihres Berufes vergriffen haben und vielleicht doch lieber Klempner hätten werden sollen.

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Während meiner Studienzeit musste ich mich dann auch noch von meinen Mandeln verabschieden, wodurch ich mich ein für allemal der lästigen Angina entledigte, mich seitdem aber mit einer permanenten Rachenentzündung herumplagen muss. Da greift man auf blutige Lösungen mittels chirurgischer Instrumente wie Messer und Skalpell zurück, lässt sich Teile des eigenen Gaumens entfernen, weil man Fieber, Mundgeruch und Antibiotika überdrüssig ist und handelt sich an deren Stelle eine Pharyngitis mit purpurrotem Hals ein, die einen das ganze Leben lang begleitet, als hätte man ihr das Ja-Wort gegeben. Vollgepackt ist der Koffer nunmehr mit Mundwasser, Gurgellösungen oder Halsbonbons jeder Größe und Farbe und damit reise ich wie ein Junkie um den Globus und habe schon des Öfteren in einer Flughöhe von 35.000 Fuß durch dieses markante Gurgeln im winzigen WC Aufsehen erregt, da es ungeübte Ohren auch schon als Röcheln eines im Sterben Liegenden gedeutet haben.

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Meine stationären Erfahrungen beschränken sich also auf diese Begebenheiten und auf die Geburt meiner zwei Kinder, die ich tapfer und ohne nennenswerte Verluste zur Welt brachte. In beiden Fällen gelang es mir, sie innerhalb von jeweils 20 Minuten aus meinem Körper zu pressen, als handelte es sich um ein überdimensionales Straußenei. Interessanterweise sind beide Mädels an einem Samstag auf die Welt gekommen, was nach dem griechischen Volksmund Glück bringen soll. Die Ältere erblickte im Winter um 17.40 Uhr das Licht der Welt und die Jüngere im Sommer um 18.40 Uhr, brav und artig die Sommerzeit einhaltend, nach der man die Uhrzeiger um eine Stunde vorrückt. Meine Kinder haben von Anfang an bewiesen, dass sie gut erzogen sind und sich an Regeln halten können.

Diese Erinnerungen schießen mir durch den Kopf, während ich in Johannesburg in der Morningside Clinic liege und darauf warte, dass sich der Chirurg meiner Kalkschulter annimmt und mich auf Nimmer-Wiedersehen von diesem garstigen und lästigen Kalkstück befreit. Nachdem die shockwave therapy, auf Deutsch Stoßwellentherapie nicht die gewünschten Heilungsergebnisse gebracht hat und ich ganz umsonst mit hochenergetischen Ultraschallwellen beschossen wurde, bleibt mir nur noch der operative Eingriff, dieses Mal minimal-invasiv, also ohne große Schnitte. Bei der Schulterarthroskopie will der Chirurg doch tatsächlich sozusagen „durch das Schlüsselloch“ in mein Gelenk hineinschauen, indem er eine Kamera hineinführt. Irre! Hätte dieser Metzger von Chirurg damals in Opladen so eine Kamera gehabt, wäre mir das Lurch-ähnliche Gebilde auf meinem Bauch womöglich erspart geblieben, es sei denn er wäre auch damit dilettantisch und tölpelhaft umgegangen, was nicht auszuschließen ist.

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Viele fragen mich, warum ich denn diese OP nicht sicherheitshalber im europäischen Zuhause habe machen lassen. Schließlich zeugt meine hervorragende Narbe auf dem Bauch von professionellem und fachmännischem Vorgehen. Es entzieht sich ihrer Kenntnis, dass Südafrika nach den USA die besten Orthopäden der Welt vorzuweisen hat und zwar aus dem verrückten Grund, dass hier Rugby gespielt wird, as if there is no tomorrow. Bei so viel Begeisterung für Brutalität wundert es kaum, dass sich Orthopäden und Chirurgen in Südafrika eine goldene Nase verdienen, indem sie Knochen, Sehnen und Muskeln wieder zusammenkleistern. Wem es schon einmal vergönnt war, einem Rugby-Spiel auch nur ansatzweise beizuwohnen, der wird einsehen können, warum ich mich dazu entschlossen habe, diese OP in Südafrika und nicht in Opladen machen zu lassen. Noch ein Lurch an meinem Körper wäre nämlich entschieden zu viel des Guten.

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In dieser Klinik scheint man aufs Detail zu achten, darum muss ich erschreckend viele Formulare ausfüllen, vollgespickt mit Fragen, die mehr oder weniger identisch sind. Lediglich die Farbe des Papiers unterscheidet sich, also fülle ich rote, grüne und blaue Formulare aus und vermute, dass es mit der Farbkonstellation schon seine Richtigkeit haben wird. Die Krankenschwestern schauen mir dabei andächtig zu. Es handelt sich ausnahmslos um Schwarzafrikanerinnen, deren typische Stahlwolle-Krause den Kopf ziert und deren markantes Hinterteil förmlich dazu einlädt, ein Glas Wasser darauf abzustellen, weil man die Gewissheit hat, dass es keinerlei Anstalten machen wird umzukippen. Wie gerne hätte ich auch so ein beneidenswertes Gesäß! Vielleicht wäre das ganze Gerüst doch etwas zu üppig und zu viel an Sitzfleisch, aber ein großzügiger Teil davon würde sicherlich die kümmerliche, flache Landebahn, über die ich an ebendieser Stelle verfüge, vorteilhaft ausstaffieren. Während ich Gedanken nachhänge, die meinem Äußeren etwas Exotik verleihen könnten, überfliegt die Oberschwester mit ebendiesem Haar und dem wogenden Po afrikanischer Bauart die Formulare. Mit sachkundigem Blick äußert sie ihr Erstaunen darüber, dass mir in meinem Alter – ich wage nicht zu fragen, wie sie das genau meint, habe allerdings eine Vermutung diesbezüglich – nur Blinddarm und Mandeln fehlen und ich sonst alle Innenorgane wohlbehalten und von keinem Chirurgen angetastet mit mir herumschleppe. An dieser Stelle sollte vielleicht erwähnt werden, dass die durchschnittliche Lebenserwartung auf dem afrikanischen Kontinent sehr niedrig ist, in Südafrika beträgt sie angeblich 56-57 Jahre. Wenn ich also länger hier verweilen sollte, stehen mir noch 3-4 glückliche Jahre bevor. Nun gut!

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Man bringt mich hinunter ins theatre, von dem ich seit geraumer Zeit weiß, dass es keine Shakespeare-Aufführung darzubieten hat. Es handelt sich lediglich um einen gewöhnlichen OP-Saal, in dem man umsonst nach Publikum, einem Vorhang und den Brettern, die die Welt bedeuten, Ausschau hält. Der Anästhesist kommt strahlend auf mich zu und stellt sich vor. Ein hochgewachsener Asiate, dessen Vorfahren vermutlich vor längerer Zeit aus Japan eingewandert sind. In diesem Land habe ich es aufgegeben, die Leute nach ihrem Ursprungsland zu fragen, denn egal wie groß oder klein, wie dunkel oder hell sie sind, wie indisch, malaiisch, chinesisch, irisch, holländisch oder deutsch sie aussehen oder sich anhören, jede Frage nach ihrer Herkunft mündet in der Antwort, I am South African.

Der asiatische Anästhesist beginnt mit seinen Ausführungen bezüglich der bevorstehenden Operation, indem er sich bemüht, mir zu erklären, was er in den nächsten Stunden mit mir vorhat und welche Arzneimittel mir verabreicht werden. Stolz schlägt er einen Ordner auf und platziert ihn so vor meiner Nase, dass ich mitlesen soll. Es folgt ein Procedere, für das wir DaF-Lehrer die Begriffe Hörverständnis und Leseverständnis verwenden. In einer Tabelle mit sorgfältig gezogenen waagerechten und senkrechten Linien stehen Wörter geschrieben, die auch von Personen ohne sonderliche Sehstörungen als schwer leserlich bezeichnet werden könnten. Nun versucht mir der südafrikanische Anästhesist aus Japan doch tatsächlich jedes Medikament, das er während der OP in mich hineinpumpen will, zu erklären und mir zu verstehen zu geben, wozu jeder gekrakelte Begriff dienen soll. Und als ob das Leseverstehen an sich nicht schon anspruchsvoll genug wäre, versucht er mir die Begriffe auch inhaltlich näher zu bringen. Es ist in jeder Hinsicht hoffnungslos, ihm folgen zu wollen, denn alle diese Ausdrücke sind Spanisch für mich – oder wie die Engländer zu sagen pflegen it is all Greek to me. Die Medizin verfügt zwar zur Genüge über Begriffe aus meiner Muttersprache, trotzdem stehe ich wieder einmal wie der berühmte Ochs vor dem Berg. Als auch lateinische Wörter an meinen Ohren vorbei peitschen, frage ich mich allen Ernstes, ob ich damals gut daran getan habe, die Finger vom Großen Latinum zu lassen. In der Vorhalle des theatres hätte dieses Wissen, das ich mir durch De Bello Gallico angeeignet hätte, einen unvorstellbar hohen Wert. Sowohl akustisch als auch visuell, aber erst recht inhaltlich völlig überfordert blicke ich den Arzt nur flehend an, in der Hoffnung, dass diese Einweisung à la Schulmeister doch bitte bald ein Ende findet. Tatsächlich schließt er seine Ausführungen mit einer Bemerkung ab, die völlig vom Thema abweicht. Sein Freund Jannis komme aus Griechenland und zusammen hätten sie schon einige Male die griechischen Inseln unsicher gemacht.

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Endlich kann ich meine Englischkenntnisse anwenden, denn dieses Island-Hopping-Vokabular ist mir geläufig. Also frage ich ihn nach seiner Lieblingsinsel. Ios, schmettert er mir glücklich entgegen, ohne lange überlegen zu müssen. Stirnrunzelnd erinnere ich mich an meinen ersten Eindruck von der Kykladen-Insel, als ich erwartungsvoll mit dem Auto aus der Fähre hinausfuhr und mich durch die Menschenmenge, deren Altersdurchschnitt die 21 keinen einzigen Monat überschritt, wühlen wollte. Sichtlich beunruhigt male ich mir aus, wie der Herr Doktor auf dieser Party-Insel die Nacht durchmacht und den Tag verschläft und hoffe inständig, dass seine Jugendsünden der Vergangenheit angehören, denn schließlich ist er für meine Narkose verantwortlich und eigentlich habe ich noch einiges im Leben vor, wie beispielsweise diese Geschichten zu schreiben. Ich tue mich schwer damit, ihm Vertrauen entgegenzubringen und versuche ihm darum auf den Zahn zu fühlen, bevor es zu spät ist. Im Schnellverfahren stelle ich ihm gezielte Fragen, um festzustellen, ob er sich zu einem seriösen Arzt entwickelt hat oder immer noch auf Ios seine Ferien verbringt.

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Es stellt sich heraus, dass wir im gleichen Sommer auf Ios waren, sodass dem gemeinsamen Schwärmen nun nichts mehr im Wege steht. Wir sind uns einig, dass die Strände herrlich und die Gassen der chora malerisch sind. Allerdings entzaubere ich das wunderschöne Dorf in gewisser Weise, indem ich beiläufig hinzufüge, dass es nur dann wunderschön anzusehen ist, wenn man sich vorher die Nase zugestopft hat. Er scheint damals kein ausgeprägtes Riechorgan gehabt zu haben, dass es nämlich an allen Ecken und Winkeln nach weniger Appetitlichem roch, was Menschen nach durchzechter Nacht an Körperflüssigkeiten auszuscheiden pflegen – wobei vergossener Alkohol noch der erträglichste aller üblen Gerüche war – nein … dieses Detail ist ihm nicht weiter aufgefallen. Ebenso wenig wie die in postkoitaler Glücksseligkeit eng umschlungenen, weniger nüchternen Paare. Wie beunruhigend, denke ich beunruhigt und hoffe, dass sein Mangel an Beobachtungsgabe bei der bevorstehenden OP weniger von Bedeutung sein wird. Er erzählt mir, wie gern er sich nachmittags auf Ios in Bungeejumping geübt habe, während unten die Leute begeistert geklatscht hätten. Ich weiß sofort, was er meint, denn unter den weniger begeisterten Zuschauern verweilte ich einige Male und bekam ständig nasse Hände, wenn sich jemand hinab fallen ließ.

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An einem Nachmittag, womöglich dem gleichen, an dem auch der Herr Doktor sprang, stand eine Gruppe von jungen Leuten auf dem Kran, ihre Intimzone in unauffällig weißen Stoffen gehüllt. Ich fragte mich, ob es wohl einen Grund für diesen Andrang gab. Tatsächlich gab es einen. Jungen und Mädchen sprangen abwechselnd in die Tiefe. Die Jungen lösten beim Fall das Stück Stoff von ihren Lenden und die Mädchen befreiten auf die gleiche Art und Weise ihre Brüste, so dass Geschlechtsteile samt haariger Hoden bzw. pralle Brüste munter im Winde wedelten. Das weiße Stück Stoff spannten sie vor ihrer Brust. Es war die Fahne ihrer Heimat, wie ich verwundert feststellte. Später erfuhr ich, dass es Direktflüge aus Tel Aviv nach Santorin gab, die von vielen jungen Leuten aus Israel genutzt wurden und die dann mit der nächsten Fähre nach Ios kamen. Unter Freunden bin ich ja für meine schweren Koffer berüchtigt, aber auf die Idee eine Fahne einzupacken, ohne zu einem Fußballspiel zu gehen, bin ich noch nie gekommen. Statt diese Israel-Geschichte zu erzählen, die mir politically nicht unbedingt correct erscheint – man weiß ja nie, an wen man gerät – frage ich ihn, ob er nie Angst hatte, zu springen und erwähne zur Untermauerung meiner Akrophobie und ganz beiläufig den Bungee-Unfall, der sich vor einigen Jahren an den Victoria Fällen ereignet hatte. Eine 22-jährige Australierin sprang von der Brücke in den Fluss Zambezi in 100 Meter Tiefe, das Seil riss und sie überlebte nur wie durch ein Wunder und schwamm mit gebundenen Beinen ans Ufer.

Der Anästhesist, der sich vor zwanzig Sekunden noch ganz selbstbewusst mit seinen Bungee-Jumping-Erfahrungen in die Brust geworfen hat, wirft mir nun verwirrte Blicke zu, die mir signalisieren, dass er nicht so recht weiß, ob er meiner Horrorgeschichte Glauben schenken soll. Da ich einen faszinierten Zuhörer gefunden habe, setze ich noch eins drauf und erzähle ihm von den Krokodilen, die ganz gemütlich und friedlich unten im Fluss verweilten und ziemlich perplex aus ihrem Krokodilleder schauten, als die junge Frau mehr oder weniger freiwillig neben ihnen landete. Die Überraschung war wohl so groß, dass sie ganz vergaßen zuzuschnappen und ihr Mittagessen somit weitergeschwemmt wurde. Zum zweiten Mal hatte die Australierin sozusagen tierisches Glück und wurde von den Strömungen des nicht umsonst mighty genannten Zambezi weiter getrieben, sodass sich die Krokodile vor Ärger über die vertane Gelegenheit regelrecht in den Allerwertesten beißen konnten.

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Ein Blick in sein leicht geplättetes Gesicht gibt mir die Gewissheit, dass ich noch weiter vom Thema abschweifen darf und so begebe ich mich in den Osten Afrikas: Ganz anders gehen nämlich dort die Kollegen der Krokodile am Mara Fluss vor, der die Grenze zwischen Tansania und Kenia bildet. Jedes Jahr bei der Wanderung der Gnus und der Zebras lauern die Krokodile listig im Wasser und beißen dann einfach in eins der Gnubeine, die samt den Gnus gerade über ihren Kopf hinweg trampeln und versuchen, durch den Fluss zu kommen. Der Anästhesist hört die ganze Zeit brav zu, ohne mich zu unterbrechen und als ich mit meiner Beschreibung zu Ende bin, wagt er doch etwas irritiert zu erwidern, dass es damals auf Ios keine Strömungen gab. Seines Wissens auch keine Gnus. Von Krokodilen ganz zu schweigen. Und abgesehen davon – gab er zu –, war er damals ja auch noch sehr jung und leichtsinnig. Heute würde er natürlich nicht mehr von Brücken oder Kränen springen. Ich atme auf! All meine Bedenken, ihm die Durchführung der Anästhesie anzuvertrauen, lösen sich in Wohlgefallen auf.

Nachdem ich die Operation wohl erfolgreich überstanden habe, wache ich auf und weiß nicht so recht, wo ich genau bin. Am Krankenbett steht auf jeden Fall – dessen bin ich mir sicher – eine Delegation von United Colours of Benetton: der weiße Chirurg, der asiatisch aussehende Anästhesist und die schwarze Oberschwester, die ihre unbändige Haarpracht in einer blauen Plastikhaube verstaut hat. Beide Ärzte tragen keine Kittel mehr, sondern erscheinen in Zivil. Ihre labbrigen Jeans mit ausgebeulten Knien rutschen schlaff und ohne eine Spur von Festigkeit an ihren Beinen hinunter und schaffen es noch nicht einmal bis zu den Knöcheln. Hochwasser nannten wird dieses Phänomen früher in der Schule. Karohemden und Schuhe dieser Art, wie man sie sonst nur in der amerikanischen Provinz sieht, lassen in keinster Weise auf die Identität und den Beruf der Personen deuten. Beide sind mit je einem schweren Rucksack beladen und wenn ich nicht genau wüsste, dass es sich um renommierte Akademiker handelt, ich würde eher darauf tippen, dass sie sich zum Hiking oder Steilwandklettern fertig gemacht haben und von mir nur den Startschuss erwarten. Gut gelaunt und fröhlich plappernd erklären sie mir, dass alles blendend gelaufen ist und in den zwei Stunden OP dem Kalkstück beigekommen wurde. Es ist definitiv herausgeschabt worden, obwohl es größer und härter war, als man anfangs vermutet hatte. Als Beweismaterial zeigen sie mir die Fotos, die die winzige Kamera in meiner Schulter gemacht hat und der Chirurg betont immer wieder, dass man an der knallroten Farbe der Sehne erkennen kann, the tendon was not happy at all! Eigenartig was für einen Gebrauch die Südafrikaner von dem Begriff „happy“ machen. Auch meine Friseuse fragt mich am Ende immer Are you happy with your hair? Südafrikaner stellen wirklich keine hohen Anforderungen an das Leben und sind mit wenig glücklich zu machen. Was wohl Pharrell Williams dazu meint?

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Auch weiß ich nicht so recht, wie ich die Frage des Anästhesisten einordnen soll. Did you enjoy your anesthesia? wird man ja schließlich nicht alle Tage gefragt. Eigentlich bin ich bis jetzt immer davon ausgegangen, dass man den Begriff nur im Zusammenhang mit netten Ereignissen verwendet, beispielsweise holiday, food oder concert, aber dass jemand auf die Idee kommt, an einer Narkose Gefallen zu finden, bin ich ehrlich gesagt noch nie gekommen. Man lernt eben nie aus. But I really enjoyed the staff and the food in the clinic und happy bin ich auf jeden Fall auch darüber, dass sich der Kalk bei mir an der Schulter festgesetzt hat und nicht etwas weiter oben, wo er die grauen Zellen auf grausige Art und Weise hätte durcheinander bringen können. An der Schulter kann man den dummen Kalk wenigstens ausschaben, aber im Kopf? Nicht auszudenken!

Die Herrschaften verabschieden sich von mir und eine lange Nacht steht mir bevor, eine Tatsache, die mir erst im Laufe dieser langen Nacht bewusst wird. Als wäre es nicht schon genug, dass der rechte Arm in einer Schlinge liegt, kommt an den linken Arm der obligatorische Tropf und – man höre und staune – an beiden Waden eigentümliche Umschläge, die man an Kabel anschließt, um arteriellen Durchblutungsstörungen zuvorzukommen. In der Praxis gestaltet sich das so, dass alle zehn Sekunden ein Schub durch diese Umschläge geht, diese sich aufplustern und mich so abwechselnd eine Art Massage an jeder Wade beglückt, bis die Luft wieder hinausgepustet wird. Mit allen Vieren an das Bett gefesselt soll ich nun nach der OP schlafen und identifiziere mich aufgrund der Anzahl meiner Gliedmaßen eher mit einem halben Kraken – auch Oktopus genannt –, den man zum Trocknen in die Sonne gelegt hat und der sich weder bewegen noch einen Ton von sich geben kann. Die Frage, ob Kraken überhaupt akustische Signale von sich geben können, erübrigt sich in diesem Moment. Erschwerend hinzu kommt auf jeden Fall der Umstand, dass ich nie auf dem Rücken schlafen kann, sondern mich normalerweise von links nach rechts wälze, bis das Sandmännchen endlich die notwendige Ladung in die Augen gestreut hat. An Schlaf ist also nicht zu denken, zumal der Tropf sein Übriges tut und ich einige Male in der Nacht auf Toilette muss. Zu diesem Zweck drücke ich auf den roten Knopf, die Nachtschwester kommt und stöpselt den ganzen Kabelsalat aus, um ihn dann nach verrichteter Dinge wieder fein säuberlich zusammen zu montieren! Kein Wunder, dass ich an Claire Zachanassian denken muss, diese eigentümliche Göttin der Rache mit den unzähligen Prothesen in Dürrenmatts Besuch der alten Dame!

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Irgendwann so gegen 4.30 Uhr steht dieser Südafrikaner japanischer Abstammung doch tatsächlich in voller Montur an meinem Bett und wünscht mir fit wie ein Turnschuh ein donnerndes Καλησπέρα, Χριστίνα! {Kalispera, Christina!} Wie man um die Zeit so quietschfidel sein kann, ist mir in diesem Land der Frühaufsteher wirklich ein Rätsel! Blinzelnd versuche ich ihm zu verstehen zu geben, dass er sich in der Wortwahl um zwölf Stunden vergriffen hat, denn frühmorgens sagt man in Griechenland definitiv Καλημέρα {Kalimera}, was ihm sein Freund Jannis auf Ios wohl nicht richtig vermittelt hat. Vermutlich hatte er morgens nie die Gelegenheit dazu, da sie nach durchgezechter Nacht erst nachmittags aus dem Bett fielen, sich als Erstes im Supermarkt vier Flaschen Bier besorgten und sich dann zum Bungeejumping begaben, um den Tag ohne patriotisches Gehabe, dafür aber gut gelaunt anzugehen.

 

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Herzlichen Dank an Ute Petkakis für das Gegenlesen!

 

Copyright 2018 Christina Antoniadou / All rights reserved 

 

Beitragsbild:www.worldation.com

 

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