{"id":6593,"date":"2019-05-23T13:10:47","date_gmt":"2019-05-23T10:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/homeiseverywhere.org\/?p=6593"},"modified":"2019-05-31T09:29:40","modified_gmt":"2019-05-31T06:29:40","slug":"do-you-speak-bbc-english","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/homeiseverywhere.org\/de\/do-you-speak-bbc-english\/","title":{"rendered":"Do You Speak (BBC-)English?"},"content":{"rendered":"<p>von Christina Antoniadou<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Du ben\u00f6tigst die NINO.\u00a0<\/em>Mit diesen Worten leitet meine bessere H\u00e4lfte das Gespr\u00e4ch beim Abendessen ein, und zwar genau zwei Tage, nachdem wir in unsere m\u00f6blierte Wohnung in Canary Wharf eingezogen sind. Mein unmissverst\u00e4ndlicher Blick und die Augenbrauen, die in solchen Situationen gew\u00f6hnlich nach oben schnellen, signalisieren ihm, dass es einer Erkl\u00e4rung bedarf. <em>Es handelt sich um die National Insurance Number, also die Sozialversicherungsnummer. Die braucht jeder hier in UK, um \u00fcberhaupt existieren zu k\u00f6nnen. Ohne diese Nummer kannst du nicht arbeiten. <\/em>Gleichzeitig schiebt er mir einen Zettel zu, auf dem eine Telefonnummer notiert ist. Diese Hotline solle ich morgen anrufen und einen Termin bei dem zust\u00e4ndigen \u201eJob Center plus\u201c vereinbaren. <em>Das ist so eine Art Arbeitsamt,\u00a0<\/em>erkl\u00e4rt er mir, bevor ich ihn fragend anschaue.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6595 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-14.39.50-e1558528872785-300x168.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"335\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.civilserviceworld.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut gelaunt gehe ich den n\u00e4chsten Tag an und freue mich schon sehr auf dieses Telefonat. Ich darf bei dieser Gelegenheit einflechten, dass ich erst seit drei Wochen in London lebe und bis jetzt nicht wirklich die Gelegenheit hatte, ein praxisorientiertes Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren, au\u00dfer vielleicht mit dem einen oder anderen Makler zwecks Wohnungssuche. Ansonsten stelle ich immer nur eine dieser einf\u00e4ltigen Besucher-Fragen nach dem Weg oder nach dem n\u00e4chsten Supermarkt. Bis jetzt unterscheide ich mich also in keinster Weise von einem l\u00e4stigen Touristen, der danach fragt, ob es noch weit ist bis zum Trafalgar Square. Endlich bietet sich mir die Gelegenheit, einen \u201erichtigen\u201c Engl\u00e4nder in ein angeregtes und vor allem \u201eauthentisches\u201c Gespr\u00e4ch zu verwickeln, so eins wie man uns fr\u00fcher stets mit Hilfe von Kassetten im Sprachlabor vorspielte \u2013 als es noch an den Gymnasien Sprachlabor und Kassetten gab. Meine Vorfreude auf das Telefonat ist sicherlich auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Englisch immer mein Lieblingsfach in der Schule war, wozu gewiss meine Aussprache beitrug. Als bilingual aufgewachsenes Kind habe ich eben nicht wie meine einsprachigen Mitsch\u00fcler beim Anblick eines Baumes ein germanisches [s\u026as \u02c8\u026as \u0251\u02d0\u00a0\u02c8tri] gezischt, sondern mit internationalem Elan und arrogantem Gehabe das \u201er\u201c vorschriftsm\u00e4\u00dfig rollend ein der britischen Sprache nicht un\u00e4hnliches [\u02c8\u00f0\u026as \u02c8\u026az \u0259 \u02c8tri] von mir gegeben. Meine gute Aussprache wurde netterweise vom Englischlehrer geb\u00fchrend gelobt, was mir aber den Ruf des ewigen Besserwissers und einer Reihe ebenso unsch\u00f6ner Beinamen einbrachte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"German Coastguard - We are Sinking (English subtitles) HD\" width=\"1080\" height=\"810\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7C-vYY3SBDE?feature=oembed\"  allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7C-vYY3S<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht genug damit, musste der Englischlehrer \u2013 der liebenswerte Mensch meinte es ja eigentlich nur gut \u2013 auch noch unn\u00f6tigerweise daf\u00fcr sorgen, dieses Stereotyp \u00fcber die Ma\u00dfen zu strapazieren und erkor mich obendrein \u2013 in Ermangelung eigener englischklingenden Aussprache \u2013 zum laut vorplappernden Musterbeispiel. In h\u00fcbscher Regelm\u00e4\u00dfigkeit durfte ich die Klassenkameraden vorbildlich freundlich auf ihre Fehler aufmerksam machen, indem ich die W\u00f6rter vorsprechen sollte, die mit \u201eth\u201c ausgestattet waren, sodass auch die Sch\u00fcler auf den hintersten Pl\u00e4tzen eine Ahnung davon bekamen, wie sich die dentalen Laute \u00ab\u03b4\u00bb und \u00ab\u03b8\u00bb normalerweise anh\u00f6ren. Immer wieder stellte sich heraus, dass sie der gestellten Aufgabe einfach nicht gewachsen waren: Sie schafften es nicht, die Zunge zwecks phonetischer Vollendung zwischen die Z\u00e4hne zu platzieren. Die Aussprache der Mitsch\u00fcler verbesserte sich darum nur unwesentlich, es blieb weitest gehend bei den hart klingenden Zischlauten. Stattdessen erntete ich jede Menge irritierter Kommentare, denn Laute, die es in der eigenen Sprache nicht gibt, h\u00f6rt man konsequenterweise kaum und kann sie somit nicht wiedergeben, sondern passt sie der Einfachheit halber auch weiterhin der eigenen Muttersprache an.<\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ELLRR-joMsM<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ELLRR-jo<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Voller Stolz auf diese glorreiche phonetische Vergangenheit, (um wieder auf unser UK-Thema bez\u00fcglich der NINO zur\u00fcckzukommen) lege ich mir also vor dem Telefonat zur Sicherheit das geeignete englische Vokabular zurecht, denn schlie\u00dflich wollen wir l\u00e4nger in London bleiben, da sollte man sich doch M\u00fche geben, dem perfekten BBC-Englisch so nahe wie m\u00f6glich zu kommen. Bevor ich also die Nummer eingebe, setze ich meinen ganzen Ehrgeiz darin, einen m\u00f6glichst britisch klingenden Stil anzunehmen und murmle einige Male [he\u02c8l\u0259\u028a, \u02c8\u00f0\u026as <a href=\"https:\/\/easypronunciation.com\/\">\u02c8\u026az<\/a> kr\u026as\u02c8ti\u02d0n\u0259 \u02c8spi\u02d0k\u026a\u014b] vor mich hin, indem ich den Satz jedes Mal anders betone. Um das Maximum an \u201ebritish\u201c zu erreichen, gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und forme meine Lippen derart, dass sie dem britischen <em>stiff upper lip\u00a0<\/em>am n\u00e4chsten kommen. Als ich in Gedanken schon bei [\u02c8\u03b8\u00e6\u014bk <a href=\"https:\/\/easypronunciation.com\/\">\u02c8ju\u02d0<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/easypronunciation.com\/\">\u02c8f\u0254\u02d0<\/a> <a href=\"https:\/\/easypronunciation.com\/\">\u02c8j\u0254\u02d0<\/a> \u02c8help] ankomme, schlie\u00dfe ich zur Steigerung des Effekts die phonetische \u00dcbung mit einem gekonnt britischen R\u00e4uspern &#8230; und w\u00e4hle die Hotline.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6600 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-14.53.11-e1558529759989-255x300.png\" alt=\"\" width=\"490\" height=\"577\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/madmikesamerica.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am anderen Ende der Leitung ist ein Herr zu h\u00f6ren, der etwas sagt, was ich auf Anhieb eher dem Chinesischen, oder besser gesagt, dem Mandarin zuordnen w\u00fcrde (soviel ich wei\u00df, gibt es kein Chinesisch, sondern nur chinesische Sprachen!), dabei bin ich au\u00dferstande, zwischen Vietnamesisch, Japanisch, Koreanisch und eben Mandarin zu unterscheiden. Auf jeden Fall handelt es sich um eine sehr ostasiatisch klingende Sprache, zu der eine Person mit netten mandelf\u00f6rmigen Augen passen w\u00fcrde. Da ich mich nicht zu Worte melde, wiederholt der Asiate \u2013 falls es nun einer sein sollte \u2013 seinen Satz, doch auch dieser Versuch erleichtert die Kommunikation nur bedingt. Mit dem Handy ans Ohr gepresst mache ich gewiss einen recht unbeholfenen Eindruck. Als er diesen unverst\u00e4ndlichen Satz zum dritten Mal durch die Leitung schickt, lege ich kurz entschlossen auf. <em>Ich kann mich eigentlich nur verw\u00e4hlt haben,<\/em> denke ich und hoffe inst\u00e4ndig, nicht in China angerufen zu haben. Also starte ich einen erneuten Versuch und gebe die lange Nummer etwas vorsichtiger ein, um aufkommende Missverst\u00e4ndnisse und vor allem eine hohe Telefonrechnung so gut es geht zu vermeiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Dame mit schriller Stimme meldet sich dieses Mal und fragt etwas, was sich unter Hinzunahme von viel Fantasie in etwa wie \u2018How may I help you\u2019 anh\u00f6ren k\u00f6nnte. Trotz der ganzen \u00dcbungen im Sprachlabor und der hervorragenden Noten im Englisch-Leistungskurs, geschweige denn der ganzen Vorbereitung mit britischer <em>stiff upper lip\u00a0<\/em>bekomme ich nur ein sp\u00e4rliches <em>sorry\u00a0<\/em>\u00fcber die Lippen, woraufhin die Dame ihre Frage noch schriller wiederholt: <em>How may I help you?\u00a0<\/em>Vor vollendeten Tatsachen gestellt wage ich die Frage:\u00a0<em>Is this the <\/em><em>\u201eJob Center plus\u201c? <\/em>und bekomme sofort die Antwort darauf:\u00a0<em>Yes, it is. How may I help you, madam? <\/em>Wenn das Oxford Englisch ist, bin ich der Kaiser von China! Es ist zwar Englisch, aber es h\u00f6rt sich v\u00f6llig mutiert an; die Silben werden gek\u00fcrzt, ja ich m\u00f6chte fast sagen, gebellt. Da ich nichts darauf erwidere, m\u00f6chte die Dame nachhelfen und ich meine, folgende Frage herauszuh\u00f6ren: <em>So did you call to apply for a NI number?\u00a0<\/em>Das \u201er\u201c ist zwar ein rollendes, aber keineswegs eins wie ich es aus dem Mittelmeerraum oder aus dem Sprachlabor gewohnt bin, es ist ein eher hartes, langes, ich bin fast geneigt zu sagen ein bayrisches \u201er\u201c, das sich durch viele kr\u00e4chzende und bellende Silben hindurchrollt. <em>Yes, I do need a NI number,\u00a0<\/em>sage ich schon etwas mutiger, aber immer noch mit belegter Stimme. Daraufhin h\u00f6re ich ein durch Kurzvokale misshandeltes Englisch, denn diese Dame scheint \u00fcber keinerlei Langvokale zu verf\u00fcgen. <em>Ok, that means you need it for paying taxes?\u00a0<\/em>Ein einfaches <em>Yes\u00a0<\/em>erscheint mir ausreichend, obwohl ich das Gef\u00fchl habe, dass das ihrerseits gar keine Frage, sondern eher eine Feststellung war. Bei einer Frage geht die Stimme am Ende doch eigentlich hoch, oder? Nicht so im Falle dieser Dame. Ich bin mir nicht schl\u00fcssig, ob ich etwas von mir geben muss.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6603 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.00.39-e1558605560961-300x189.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"377\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.get-uk-jobs.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Just in diesem Moment h\u00e4tte ein scharfer Beobachter bei mir gewisse Anzeichen von Nervosit\u00e4t entdecken k\u00f6nnen, zumal der ehemaligen Sch\u00fclerin mit der guten Aussprache immer bewusster wird, dass sich Sprachlabor und Leistungskurs aus der fernen Vergangenheit als unzul\u00e4nglich erweisen. Bei der n\u00e4chsten Frage, die sie mir stellt, bitte ich sie mit aller gebotenen Zur\u00fcckhaltung darum, doch bitte langsamer, lauter und etwas deutlicher zu sprechen, da ich ihr sonst nur bedingt folgen k\u00f6nne. Meine Bitte tr\u00e4gt zwar nicht entschieden, aber doch immerhin minimal zum verst\u00e4ndlicheren Ablauf des Gespr\u00e4chs bei. Zumindest f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn Sekunden, denn danach schaltet die Dame wieder auf diesen Dialekt um, den ich in meiner Verzweiflung als Schottisch oder sogar als G\u00e4lisch zu identifizieren glaube. Nachdem ich meine, verstanden zu haben, dass ich ihr meinen vollen Namen, Adresse und Telefonnummer durchgeben solle, redet sie eingehend auf mich ein, sodass Sprachlabor, Leistungskurs und blendende Noten endg\u00fcltig an Wert verlieren. Let alone my accent &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Verlauf des nun einsetzenden Prozesses bestehend aus R\u00fcckfragen, Wiederholungen, Erkl\u00e4rungen und Anmerkungen zwecks Vermeidung von Missverst\u00e4ndnissen ist zwar immer noch nicht eindeutig gekl\u00e4rt, was gesagt wurde, aber meine Vermutung tendiert sehr stark dahin, dass ich nunmehr einen Termin f\u00fcr dieses leidige Interview bekommen habe. \u00dcber das genaue Datum kann ich nur wage spekulieren. Die Zahl, die den Worten <em>there is an appointment slot available for\u00a0<\/em>&#8230; folgt, ist nicht eindeutig zu identifizieren. Es k\u00f6nnte sich entweder um den 13. oder aber auch um den 30. dieses Monats handeln. Gl\u00fccklicherweise schiebt sie noch eine Frage hinterher, die in etwa wie folgt lauten m\u00fcsste: <em>So will you be able to make it next week on that day?\u00a0<\/em>und der ich entnehme, dass ich n\u00e4chste Woche dort erscheinen soll, also muss es wohl oder \u00fcbel der 13. sein. Erleichtert best\u00e4tige ich <em>my availability for that day\u00a0<\/em>und bringe ein kr\u00e4chzendes <em>it is ok for me\u00a0<\/em>hervor. Doch die Tortur ist nicht zu Ende, denn sie gibt mir noch die <em>reference number for your request\u00a0<\/em>durch und versichert mir, dass mir ohnehin alle Details per Post zugesandt w\u00fcrden. Letzteres ist meine einzige Rettung, denn ein Blick auf das Mitgeschriebene \u2013 ein einziges Gekrakel \u2013 l\u00e4sst Zweifel an der Korrektheit der Nummer aufkommen. Au\u00dferdem habe ich nicht im Mindesten verstanden, wo zum Kuckuck ich \u00fcberhaupt erscheinen soll.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6605 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.08.30-e1558530597988-293x300.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"512\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.freepik.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich mit einem \u00fcbertriebenen <em>Thank you so much and have a nice day\u00a0<\/em>auflege, ist mir flau im Magen und viel zu sp\u00e4t f\u00e4llt mir ein, dass ich die Uhrzeit f\u00fcr besagten Tag nicht vernommen habe. Was wird dieses Interview blo\u00df f\u00fcr ein Desaster, wenn ich schon au\u00dferstande bin, telefonisch nach einem einfachen Termin zu fragen! Und was f\u00fcr Englischkenntnisse habe ich mir da all die Jahre angeeignet, die es mir nicht erlauben, mit einer Schottin telefonisch zu kommunizieren? Die letzten Reste meines sonst so ausgepr\u00e4gten Selbstbewusstseins schwinden dahin. Moment mal! Meine Schuldgef\u00fchle machen alsbald einem neuen Gef\u00fchl Platz. Ein leiser Groll gegen diese Hotline keimt in meinem Innern auf. Was f\u00fcr ein kundenunfreundliches Verhalten ist das? Was f\u00fcr ein schlechter Service! Was f\u00fcr eine Un\u00fcberlegtheit, solche wichtigen Positionen mit Angestellten zu besetzen, die unverst\u00e4ndliches Englisch sprechen, wo man doch erwarten muss, dass sich ausschlie\u00dflich Ausl\u00e4nder an sie wenden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Gl\u00fcck kommt das Schreiben nur wenige Tage sp\u00e4ter und best\u00e4tigt das Datum, das ich mehr durch Gl\u00fcck als durch Verstand, mit Sicherheit nicht durch Wahrnehmung richtig vermutet hatte. Au\u00dferdem erfahre ich jetzt endlich, wo das ber\u00fcchtigte Interview stattfinden wird, n\u00e4mlich in der West Tender Street. W\u00e4hrend ich mich noch vor einigen Tagen \u00fcber den mangelhaften Service hierzulande mokierte, muss ich heute zugeben, dass die Briten mehr als aufmerksam sind! Dankenswerterweise sind die Information, an welcher <em>tube station <\/em>man am besten aussteigen sollte, auch gleich mit angef\u00fchrt: Aldgate oder Aldgate East. <em>Das ist ja ganz in der N\u00e4he,\u00a0<\/em>freue ich mich und suche mit Hilfe der App den Routenplaner heraus. Trotz der unmittelbaren N\u00e4he sehe ich mich gen\u00f6tigt, mich fast all der Transportmittel zu bedienen, die London f\u00fcr mich und den Rest seiner 9 Millionen Bewohner bereit h\u00e4lt, als da w\u00e4ren <em>DLR, London Overground<\/em> und am Ende die einfache <em>tube<\/em>. Wahrlich unglaublich, dass man f\u00fcr so eine kurze Strecke zwei Mal umsteigen muss!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6608 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.15.54-e1558531250130-300x205.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"409\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">www.hiveminer.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Planen der Route finde ich ganz nebenbei heraus, dass in dieser Gegend um Aldgate East und Whitechapel herum Jack the Ripper sein Unwesen getrieben und die Morde an Prostituierten begangen hat. Was f\u00fcr eine wunderbare Gelegenheit, das Angenehme mit dem N\u00fctzlichen zu verbinden und aus einer verwaltungstechnischen Angelegenheit einen Ausflug in die Vergangenheit Londons zu machen. Vor meinem geistigen Auge laufe ich durch die Gassen, um die Umgebung auszukundschaften, die Mitte des 19. Jahrhunderts explosionsartig anwuchs. Durch die gro\u00dfe Hungersnot in Irland siedelten sich viele Fl\u00fcchtlinge in der Gegend East End an und einige Jahrzehnte sp\u00e4ter kamen infolge der Judenpogrome noch gro\u00dfe Mengen Zuwanderer aus Osteuropa hinzu. Ich kann es kaum erwarten, mir die Auswirkungen dieses interessanten Multikulti aus der N\u00e4he anzuschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dem besagten 13. des Monats also schicke ich mich gem\u00e4chlich zum Aufbruch an und reise \u2013 anders kann man die Fortbewegung mit drei verschiedenen Transportm\u00f6glichkeiten nicht beschreiben \u2013 dem Interview entgegen. Obwohl die App ausrechnet, dass ich nur etwas \u00fcber 20 Minuten brauche, um an mein Ziel zu kommen, fahre ich eine gute Stunde fr\u00fcher los, was sich als nicht unklug erweist. In Aldgate East angekommen schaffe ich es, den Weg aus der zum Platzen vollen, atembeklemmenden <em>tube\u00a0<\/em>zu finden, nicht ohne einigen Mitreisenden mit aufeinander folgenden treuherzigen <em>sorry, I am so sorry\u00a0<\/em>auf die F\u00fc\u00dfe treten zu m\u00fcssen. Auch auf der Plattform herrscht reges Treiben, denn diese U-Bahn-Station ist eine einzige Baustelle, sodass ich meine liebe Not habe, mir den Weg zur Whitechapel High St zu bahnen. Geschafft!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6615 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.24.28-e1558531608369-300x180.png\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"361\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.express.co.uk<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Blick in die Au\u00dfenwelt bildet sich meine bekannte senkrechte Falte auf der Stirn. Keine Frage, ich bin in einem anderen Land angekommen. Auch beim zweiten Blick \u00e4ndert sich nichts an diesem Eindruck. Wenn es nicht diese 20 Minuten Fahrzeit gewesen w\u00e4ren, die das Verlassen Gro\u00dfbritanniens unm\u00f6glich machen, ich k\u00f6nnte wahrlich schw\u00f6ren, dass ich mich irgendwo \u2013 um es mit einem ann\u00e4hernd zutreffenden bzw. weitgreifenden Begriff zu sagen \u2013 im Orient befinde. Da es mir unzweckm\u00e4\u00dfig erscheint, auf dem Absatz kehrt zu machen, hole ich mein iPhone aus der Tasche. Google maps verr\u00e4t mir mittels blauen vibrierenden Punkt meinen aktuellen Standort. Auch der letzte Zweifel wird somit beseitigt: Ich bin immer noch in London. Im Osten Londons. Ob wom\u00f6glich etwas mit meinem iPhone nicht stimmt? Der Akku ist voll, daran kann es also nicht liegen. Eigenartig!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Person, die gern in jeder Situation die n\u00f6tige Kontrolle beh\u00e4lt, starte ich behutsam und mit einem gewissen Unbehagen die Expedition ins Ungewisse und folge den <em>directions\u00a0<\/em>meines iPhones. Mit unguten Ahnungen erf\u00fcllt passiere ich verschiedene Gesch\u00e4fte, die mitnichten an das 19. Jahrhundert oder gar an den unseligen Jack the Ripper erinnern. Verst\u00f6rt stelle ich fest, dass nicht ein Gesch\u00e4ft, nicht ein einziges Pub wirklich britisch, irisch, russisch oder gar j\u00fcdisch ist. S\u00e4mtliche Schaufensterpuppen sind in indische Saris geh\u00fcllt und gehen dabei den bekannten zweist\u00f6ckigen Pelikan-Farbkasten durch, erg\u00e4nzt durch viel Gold, sei es im Stoff eingewoben oder als Schmuck. Aus der Masse an solchen Gesch\u00e4ften schlie\u00dfe ich, dass sich in dieser Gegend gen\u00fcgend Abnehmer daf\u00fcr finden lassen werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6618 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.50.09-e1558533127133-300x203.png\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"406\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6621 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.54.32-e1558533332879-300x188.png\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"377\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">http:\/\/spitalfieldslife.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich schlurfen an der vor einem Schaufenster stehenden und auf die Auslagen fixierten Europ\u00e4erin mehrere Sari-tragende oder in lange, farbenfrohe T\u00fccher geh\u00fcllte Frauen vorbei und haben ihre liebe Not, die Flip Flops an den F\u00fc\u00dfen nicht zu verlieren. Auch verschleierte Frauen scheint es hier in H\u00fclle und F\u00fclle zu geben, bei manchen ist das Gesicht ganz verdeckt, andere wiederum haben ein Fenster f\u00fcr die wunderbar geschminkten Augen frei gelassen. Sie stecken in weiten, schwarzen Gew\u00e4ndern, die bis zu den Kn\u00f6cheln reichen und nichts vom K\u00f6rper erahnen lassen. Verhuscht wirken sie und genauso schleichen sie an mir vorbei, ihr Gesicht oft schamhaft hinter dem Schleier versteckt, im Schlepptau Kinder im Vorschulalter, ein Kleines in einem Tuch umgeh\u00e4ngt und das n\u00e4chste im Bauch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6623 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-15.59.21-e1558533749840-300x241.png\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"428\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.dailymail.co.uk photo: Stephania Schaerer<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Caf\u00e9s, Friseurl\u00e4den und Musikshops, in denen man sich auch Videos aus der Heimat ausleihen kann, reihen sich aneinander, auf h\u00f6chster Lautst\u00e4rke dudeln \u00fcberall lang gezogene Kl\u00e4nge, die arabisch anmuten, aber geografisch auch weiter \u00f6stlich angesiedelt werden k\u00f6nnten. Ich komme an mehreren dieser Caf\u00e9s vorbei, bis ich an einem meinen Blick schweifen lasse. Dort sitzen ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, meist mit Bart, oft mit Kopfbedeckung, einige sogar mit Turban. Viele tragen ein Wickeltuch, andere ein bodenlanges Gewand, andere knielange Hemden und wei\u00dfe Hosen. Relaxed und nach dem Motto \u201enur keine unn\u00f6tige Hast\u201c sitzen sie beisammen, trinken Tee, essen S\u00fc\u00dfspeisen, die in grellem Gelb und Rosa leuchten, rauchen Shisha und schauen sich das Treiben auf der Stra\u00dfe an. Kurzum, sie scheinen den Tag mit best\u00e4ndiger Mu\u00dfe zu verbringen. Gebannt von dem orientalischen Umfeld merke ich nicht, dass Ruhe eintritt, dass ihre mir v\u00f6llig unbekannte Sprache nicht mehr zu vernehmen ist. In meiner Naivit\u00e4t bin ich vermutlich in das, was man Privatsph\u00e4re nennt, eingedrungen, denn zu lange schon stehe ich vor den Herrschaften und gaffe indiskret. Durchdringende Blicke sind die Folge. Auf ihren Gesichtern machen sich deutliche Zeichen von Misstrauen bemerkbar. Ich entferne mich peinlich ber\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Einklang mit der Umgebung bietet der Metzger Halal-Fleisch. In der Luft h\u00e4ngt ein Hauch von scharfem Curryduft. In einiger Entfernung sehe ich M\u00e4nner mit Gebetskappen aus einem Backsteinbau schlurfen und erkenne, dass es eine Moschee ist. Vor einem Gem\u00fcseladen t\u00e4tigen zwei Frauen mit Kopftuch ihren Einkauf, indem sie sich \u2013 jede einen Blumenkopf in der Hand haltend \u2013 angeregt austauschen. Mit gewinnendem L\u00e4cheln und einer einfach formulierten Frage m\u00f6chte ich sicherstellen, dass ich tats\u00e4chlich in London bin und die korrekte Richtung eingeschlagen habe. Der Begriff \u201eJob Center plus\u201c tr\u00e4gt entscheidend zur Verst\u00e4ndigung bei. Wie auf Kommando geben mir die Damen ausdr\u00fccklich zu verstehen, dass ich mich auf dem richtigen Weg dorthin befinde. Und dies zwar freundlich l\u00e4chelnd, jedoch ohne auch nur eine Silbe auf Englisch ge\u00e4u\u00dfert zu haben. Unter lebhaften Dankesbekundungen setze ich meinen Weg fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirklich eigenartig! Auf dem Stadtplan sieht es so aus, als ob man nur einen Katzensprung vom Finanzviertel entfernt ist und nun stelle ich fest, dass ich mich in S\u00fcdasien befinde. Ich bin noch zu neu in der Stadt um zu wissen, dass die City sich von hier aus zu Fu\u00df erreichen l\u00e4sst und dass London ein typisches Beispiel daf\u00fcr ist, dass zwei oder auch drei oder auch mehr verschiedene Welten nebeneinander existieren k\u00f6nnen. Erst sp\u00e4ter erfahre ich, dass sich das \u201eJob Center plus\u201c in der N\u00e4he von Brick Lane, der \u201eCurry-Meile\u201c, eine der bekanntesten Stra\u00dfen Londons, befindet, wo arme Einwanderer aus Indien, Pakistan und Bangladesch wohnen. Viele leben in der 3. Generation hier, ihre Gro\u00dfeltern \u2013 meist sunnitische Bengalen \u2013 kamen Anfang der 1960er Jahre aus dem Osten Bangladeschs nach London. Heute ist dieser Stadtteil \u2013 Tower Hamlets \u2013 einer der \u00e4rmsten Kieze Londons, wo Messerstechereien im Bandenmilieu nicht allzu selten sind. In erstaunlicher Schnelle verwandelte sich diese Gegend in \u201eBanglatown\u201c, wie sie nicht umsonst von Einheimischen genannt wird. Hier klopft das Herz der Gemeinde British-Bangladeshi, Londons Szene-Stadtteil und das Zentrum f\u00fcr s\u00fcdasiatische Restaurants und unz\u00e4hlige Stra\u00dfenm\u00e4rkte, die daf\u00fcr sorgen, dass es in dieser Gemeinde besonders voll und kunterbunt wird. An den exotischen Essenst\u00e4nden schlemmen sich Touristen auf der Suche nach Multikulti gut und gerne durch Asien. Die Bengalen haben es geschafft, die demographische Landkarte in dieser Gegend auf den Kopf zu stellen, denn sie machen mittlerweile ein Drittel der Bev\u00f6lkerung aus. Wo wohl die j\u00fcdische, russische, irische und nicht zuletzt die britische Bev\u00f6lkerung abgeblieben ist?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6628 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-16.07.15-e1558534227178-300x190.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"380\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.pinterest.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Freude, das Ziel erreicht zu haben, ist grenzenlos. Im \u201eJob Center plus&#8220;, setze ich mich von den Eindr\u00fccken auf der Stra\u00dfe etwas benebelt auf einen Stuhl und warte mit dem <em>confirmation letter\u00a0<\/em>in der Hand darauf, zum Interview aufgerufen zu werden. Ich habe Zeit genug, die bunten Bilder von drau\u00dfen zu sortieren und meine Gedanken kreisen zu lassen. Dass London ein <em>melting pot<\/em>, ein Schmelztiegel der Kulturen ist, bedarf keiner Erkl\u00e4rung und geh\u00f6rt zum Allgemeinwissen, doch besteht ein Unterschied zwischen dem theoretischen Ansatz und dem Erleben in der Praxis. Da wir schon einmal bei dem Begriff Schmelztiegel sind: es handelt sich um ein Gef\u00e4\u00df, in dem verschiedene Stoffe erhitzt und geschmolzen werden, sodass am Ende eine Mischung von allem, also etwas Einheitliches herauskommt. In der Soziologie wird dadurch der Prozess der Assimilation und der Integration von Einwanderern in die Kultur eines Landes, die Vermischung zu einer gemeinsamen nationalen Kultur beschrieben. Allerdings sehen die Menschen, an denen ich vorhin vorbeigegangen bin, nicht unbedingt danach aus, als h\u00e4tten sie Interesse an dem Prozess, den solch ein <em>melting pot\u00a0<\/em>mit sich bringt, eher habe ich den Eindruck, dass sie getrennte s<em>alad bowls<\/em> vorziehen, in\u00a0denen sie ihre eigene, von s\u00fcdasiatischen Einfl\u00fcssen stark gepr\u00e4gte und klar abgegrenzte Kultur pflegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schaue mich in der Wartehalle um, die voller Menschen ist und die alle \u2013 wie ich \u2013 auf diese Versicherungsnummer warten und \u00fcberlege, was ich eigentlich \u00fcber diese Stadt wei\u00df. Erst von drei Wochen bin ich hierher gezogen und wusste schon vorher, dass die Stadt f\u00fcr den <em>American Dream\u00a0<\/em>in Europa steht und darum Menschen aus aller Welt anzieht. Angeblich kann man auf den Stra\u00dfen Londons 300 verschiedene Sprachen h\u00f6ren. Tatsache ist, dass ich bei jeder <em>tube<\/em>-Fahrt nur begrenzt Englisch, daf\u00fcr aber viele andere Sprachen h\u00f6re, die ich noch nicht einmal aufgrund der Melodie einordnen, h\u00f6chstens an der Hautfarbe und der Form der Augen des Sprechers einem bestimmten Kontinent zuordnen k\u00f6nnte. Und genauso eng, wie man in der <em>tube<\/em> zusammengequetscht wird,\u00a0genauso eng aufeinander lebt man in London, der bev\u00f6lkerungsreichsten Metropole in Mitteleuropa. In dieser Vielv\u00f6lker-Metropole, wo die Menschen sich fremd sind, bleiben die einzelnen Gruppen nun einmal gerne unter sich, statt sich zu integrieren. It makes sense: Das gibt ihnen n\u00e4mlich ein Gef\u00fchl des Zusammenhalts, der Sicherheit, der Heimat. In London f\u00e4hrt man nur drei Stationen weiter und kommt schon in einem anderen Teil der Welt an: in China, in Afrika, im Mittleren Osten, in der Karibik oder eben in S\u00fcdasien.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6632 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-16.24.31-e1558535191918-300x212.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"424\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">http:\/\/www.newslocker.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ich meinen Gedanken nachh\u00e4nge, h\u00f6re ich alle paar Minuten, wie Namen aufgerufen werden; lauter Namen, die ich gr\u00f6\u00dftenteils zum ersten Mal h\u00f6re; Namen mit vielen Konsonanten; Namen, bei deren Aufruf Personen aufstehen, sodass ich erkennen kann, ob sie f\u00fcr Frauen oder M\u00e4nner bestimmt sind. Viele Namen, von denen ich nicht mit Bestimmtheit sagen k\u00f6nnte, ob sie in Russland oder im restlichen Osteuropa angesiedelt sind. Namen, die fremd klingen in meinen Ohren, die ich auch unter allergr\u00f6\u00dften Anstrengungen nicht transkripieren k\u00f6nnte, weil mir vermutlich die Buchstaben dazu unbekannt sind. All diese Menschen sind, wie ich, gerade in London angekommen und sorgen daf\u00fcr, dass die Vielv\u00f6lker-Metropole als solche erhalten bleibt oder sogar noch erweitert wird. Ohne Frage: Hier wollen sie sich eine neue Existenz aufbauen, denn sonst br\u00e4uchten sie diese Sozialnummer nicht. Eine Frauenstimme unterbricht meine tiefsch\u00fcrfenden Gedanken, ich h\u00f6re einen typisch europ\u00e4ischen Namen, den ersten \u00fcbrigens seit geraumer Zeit: Christina. Ich schaue mich um. Sonst scheint niemand im Wartesaal auf diesen Namen zu h\u00f6ren. Meine Wenigkeit muss wohl gemeint sein, also stehe ich auf und trotte zur Dame, die mich freudestrahlend und mit einem festen H\u00e4ndedruck an ihren Schreibtisch bittet. <em>Welcome, Christina!<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6630 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-16.14.31-e1558534620709-300x200.png\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"400\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.leicestermercury.co.uk<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame, die sich meiner annimmt, ist gro\u00df, auffallend schick und farbenfroh gekleidet, hat ihre Haare zu braids geflochten und redet mit tiefer Stimme auf mich ein. Sie k\u00f6nnte eine entfernte Verwandte von Naomi Campbell sein, zwar bei weitem nicht so attraktiv, aber eine gewisse \u00c4hnlichkeit ist vorhanden, vor allem durch ihre sinnlichen, verf\u00fchrerischen Lippen und ihren bet\u00f6renden Augenaufschlag \u2013 allerdings sind die dichten, langen Wimpern angeklebt, da gehe ich jede Wette ein. Aufgrund der entfernten Verwandtschaft mit dem ber\u00fchmten Topmodel schlie\u00dfe ich messerscharf, dass die Vorfahren dieser attraktiven Dame aus Jamaika stammen und ich gerade die Bekanntschaft des Afro-Caribbean-Akzentes mache. Erst vor kurzem hatte ich gelesen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine gro\u00dfe Migrationsbewegung aus der Karibik einsetzte, denn als Mitglieder des Commonwealth konnten sie ohne Beschr\u00e4nkungen einreisen und genossen die vollen englischen Staatsb\u00fcrgerrechte. Da sie Englisch als Muttersprache sprachen und mit den Grundelementen der britischen Kultur vertraut waren, verf\u00fcgten sie \u00fcber g\u00fcnstige Voraussetzungen, um von der englischen Gesellschaft akzeptiert zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naomis zarte H\u00e4nde zeigen mir den Stuhl, auf dem ich Platz nehmen soll und nachdem ich ihr alle erforderlichen Dokumente \u00fcberreiche, \u2013 als da w\u00e4ren Reisepass, Mietvertrag und die Best\u00e4tigung, die ich per Post erhalten habe \u2013 kann das Interview beginnen. Erfreut stelle ich fest, dass ich ihrem karibischen Englisch, einem herrlich sympathischen Singsang, problemlos folgen kann und Fragen wie <em>Why have you come to the UK? Where were you staying before coming to the UK? Who else from your family is here in the UK? Could you please give me the reference letter from the employer?\u00a0<\/em>beantworten kann, ohne nennenswerte Sch\u00e4den davontragen zu m\u00fcssen. Als sie feststellt, dass ich Deutschlehrerin bin, setzt sie genau den gleichen Gesichtsausdruck auf, den viele Leute in Zukunft aufsetzen werden, wenn sie mir ein und dieselbe Frage stellen werden: <em>So how come you are teaching German?\u00a0<\/em>Mir ist es schleierhaft, warum die Aus\u00fcbung dieses Berufs weltweit so viele R\u00e4tsel aufgibt. Vermutlich hat es damit zu tun, dass es vor allem den Anglophonen unter den Fragestellern unerkl\u00e4rlich bleiben wird, dass man sich als Sch\u00fcler aus freien St\u00fccken solch einer Tortur unterzieht und versucht, diese misst\u00f6nende Sprache der Krauts \u2013 wie die Deutschen gerne von den Amerikanern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges spa\u00dfeshalber genannt wurden \u2013 zu lernen. Ebenso mysteri\u00f6s und unergr\u00fcndlich scheint die Existenz von Deutschlehrern zu sein, weshalb ich mich im Laufe der Jahre gen\u00f6tigt sehe, mit einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr meinen beruflichen Werdegang aufzuwarten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6641 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-16.33.35-e1558535847262-300x173.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"346\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/stylecaster.com<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Naomi und ich uns also bestens \u00fcber mein privates und berufliches Leben austauschen \u2013 am Ende wei\u00df sie alles \u00fcber mich, ich aber nichts \u00fcber sie \u2013 schreibt sie eifrig mit und f\u00fcllt ein Formular mit all den Informationen, die ich ihr vermittle, aus. Als alle Felder ausgef\u00fcllt sind, darf ich mir das Ganze durchlesen und durch eine Unterschrift seine Richtigkeit best\u00e4tigen. Ich tue, wie mir gehei\u00dfen: <em>I verify all information and I sign the form.\u00a0<\/em>Fachm\u00e4nnisch kopiert sie alle meine Dokumente und fl\u00f6tet mir bei der R\u00fcckgabe derselbigen zu, dass ich innerhalb der n\u00e4chsten vier Wochen ein Schreiben per Post bekommen und dann auch offiziell \u00fcber diese so relevante Nummer verf\u00fcgen werde. Bis dahin k\u00f6nne ich die provisorische Best\u00e4tigung benutzen und mit den Worten <em>Please do not lose this letter, it is the acknowledgement of your application<\/em>, \u00fcberreicht sie mir den Umschlag. Mit einem <em>Thank you so much and\u00a0<\/em><em>have a wonderful day\u00a0<\/em>erkl\u00e4re ich mich mit dem Ergebnis des Interviews hoch befriedigt und verabschiede mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Weg hinaus f\u00e4llt mir ein Fernseher an der Wand auf, es laufen gerade BBC-Nachrichten und der Sprecher versucht in K\u00fcrze, die wichtigsten Tagesmeldungen zusammenzufassen. In hervorragendem Oxford Englisch. Ich schlie\u00dfe die Augen und \u00fcbe mich im H\u00f6rverst\u00e4ndnis, genie\u00dfe dabei die Aufeinanderfolge von wohlklingenden Vokalen und Konsonanten, die richtigen L\u00e4ngen und K\u00fcrzen, das britische, nicht zu \u00fcbertrieben gerollte \u201er\u201c nebst den dentalen \u00ab\u03b4\u00bb und \u00ab\u03b8\u00bb. Eigentlich ist es das erste Mal heute, dass ich dieses wundervoll vertraute Englisch h\u00f6re. Was sage ich? Wieso heute? Seit drei Wochen bin ich in London und ich kann mich nicht entsinnen, irgendwo BBC-Englisch geh\u00f6rt zu haben, weder in der <em>tube\u00a0<\/em>noch im Supermarkt, geschweige denn auf der Stra\u00dfe, sondern eigentlich nur im Fernsehen und das nur in den Nachrichten. Schade um die Arbeit im Sprachlabor und um die ganzen Kassetten, Schade um die guten Noten im Leistungskurs, ganz umsonst habe ich mich in der Schulzeit als Mrs. Know it all unbeliebt gemacht, seufze ich, \u00f6ffne die T\u00fcr und begebe mich wieder hinaus, nach S\u00fcdasien.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6645 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Screenshot-2019-05-22-at-16.44.52-e1558536418522-300x169.png\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"338\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.tvwhirl.co.uk<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ich erneut an den indischen, pakistanischen und bengalischen Gesch\u00e4ften und St\u00e4nden vorbeimarschiere, die an Farbenpracht und quirliger Lebhaftigkeit nur schwer zu \u00fcberbieten sind, nehme ich mir vor, die Nachbarschaft von Jack the Ripper doch lieber ein anderes Mal und vor allem mit Hilfe einer\u00a0<em>walking tour <\/em>zu erkunden. Wie sonst soll ich das Milieu dieses Psychopathen inmitten von so viel Buntheit ausfindig machen, zumal es in meiner Vorstellung gruselig anmutet, da dunkel und sp\u00e4rlich beleuchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mag wohl ein gutb\u00fcrgerlicher, alt eingesessener Engl\u00e4nder der damaligen Zeit gef\u00fchlt haben? Ein Gentleman mit Zylinder, Frack, Spazierstock und polierten Schuhen, der sich \u2013 vermutlich mehr durch Zufall \u2013 in diese Gegend, in die so genannten Slums verirrte und es beim Anblick der russischen, irischen und j\u00fcdischen Armut auf den Stra\u00dfen doch lieber vorzog, seinem gefederten Fuhrwerk nicht zu entsteigen und statt dessen dem Kutscher <em>order\u00a0<\/em>zu geben: <em>Keep on going!\u00a0<\/em>Was mag dieser geb\u00fcrtige Brite wohl gedacht haben? <em>Where have all the English people gone?<\/em><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Walking along Whitechapel Road Street Market, London, UK; Tuesday 21st August 2012\" width=\"1080\" height=\"608\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/MebUMDACsyc?feature=oembed\"  allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MebUMDACsy<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Herzlichen Dank an Ute Petkakis f\u00fcr das Gegenlesen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Copyright 2019 Christina Antoniadou \/ All rights reserved\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Beitragsbild:https:\/\/www.vectorstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christina Antoniadou &nbsp; Du ben\u00f6tigst die NINO.\u00a0Mit diesen Worten leitet meine bessere H\u00e4lfte das Gespr\u00e4ch beim Abendessen ein, und zwar genau zwei Tage, nachdem wir in unsere m\u00f6blierte Wohnung in Canary Wharf eingezogen sind. Mein unmissverst\u00e4ndlicher Blick und die Augenbrauen, die in solchen Situationen gew\u00f6hnlich nach oben schnellen, signalisieren ihm, dass es einer Erkl\u00e4rung 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