{"id":3554,"date":"2018-02-23T04:45:37","date_gmt":"2018-02-23T01:45:37","guid":{"rendered":"http:\/\/homeiseverywhere.org\/?p=3554"},"modified":"2019-04-09T17:40:26","modified_gmt":"2019-04-09T14:40:26","slug":"8-in-der-mall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/homeiseverywhere.org\/de\/8-in-der-mall\/","title":{"rendered":"8. In der Mall"},"content":{"rendered":"<p>von Christina Antoniadou<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Johannesburg geht man das Geldausgeben v\u00f6llig entspannt an. Das ist daran zu erkennen, dass es die potenziellen K\u00e4ufer nicht sonderlich eilig haben. Einige bringen es tats\u00e4chlich fertig, durch die (Shopping-) Malls zu trotten und zu schlurfen, als h\u00e4tte man ihnen die Schn\u00fcrsenkel zusammengebunden. Schon ein Blick auf die Rolltreppen gen\u00fcgt, um den Unterschied zu London, wo wir noch bis vor Kurzem lebten, festzustellen. Dort kann man n\u00e4mlich nicht einfach auf der Rolltreppe gehen und stehen, wie einem zumute ist. <!--more-->\u00dcberall weist ein Schild die Fu\u00dfg\u00e4nger darauf hin, wie man sich zu verhalten hat. <em>Stand right, go left<\/em> schimpft es einem \u00fcberall streng entgegen und eigentlich haben sie sich beim Verb <em>go<\/em> vergriffen, denn erfahrungsgem\u00e4\u00df m\u00fcsste es <em>run left<\/em> hei\u00dfen. Die Menschen in London haben es bekannterma\u00dfen immer eilig. In Joburg dagegen steht man ganz relaxed mitten auf der Stufe einer Rolltreppe und genie\u00dft die Ruhe. Niemand w\u00fcrde auf den Gedanken kommen, einen anzustupsen und mit einem zwar h\u00f6flichen, jedoch bestimmten <em>sorry<\/em> zur \u00dcberholung anzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Johannesburg gibt es also Malls, und zwar derer so viele, dass die entsprechenden europ\u00e4ischen Shoppingcenter von der Anzahl her nicht mithalten k\u00f6nnen. Am Anfang st\u00f6\u00dft es mir negativ auf, dass es keine typisch deutsche Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gibt, aber mit der Zeit sehe ich die Vorteile dieses \u00fcberdachten Konzepts. Diese bestehen darin, dass die Aktivit\u00e4ten in der Mall mit wetterunabh\u00e4ngigem Konsum verbunden sind, man ist also den Launen des Wetters weder ausgesetzt noch ausgeliefert, weil alles <em>indoor<\/em> stattfindet. Die Wetterkapriolen k\u00f6nnen einem gar nichts mehr anhaben. Es ist endg\u00fcltig Schluss mit pitschnass werden. Ebenso mit wetterbedingten Erk\u00e4ltungen und misshandelter F\u00f6nfrisur. Endlich ist den Schuhen eine l\u00e4ngere Lebensdauer gesichert, weil man nicht mehr beim Versuch, Pf\u00fctzen zu \u00fcberspringen in noch gr\u00f6\u00dferen Wasserlachen landet und sich selber samt Wetterg\u00f6ttern verflucht. Kurzum, in Johannesburg wird daf\u00fcr gesorgt, dass das Einkaufen so gut wie gar nicht beeintr\u00e4chtigt wird, schon gar nicht durch ung\u00fcnstige Wetterverh\u00e4ltnisse. Was f\u00fcr ein Konsum-Segen!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3566 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-00.44.46-e1519343204432-300x213.png\" alt=\"\" width=\"617\" height=\"438\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich die \u201eRosebank Mall\u201c und wird, seitdem ich in der Stadt lebe und wahrscheinlich auch bereits eine l\u00e4ngere Zeit davor, renoviert. W\u00e4hrend dieser Zeit spielen die Gesch\u00e4ftsbesitzer ernsthaft mit Selbstmordgedanken, weil sich kaum ein Kunde hineinwagt. Warum sollte er sich das auch freiwillig antun und kiloweise Staub einatmen oder sein Trommelfell besch\u00e4digen? \u00dcberall sind n\u00e4mlich Presslufthammer damit besch\u00e4ftigt, W\u00e4nde ein- und B\u00f6den aufzurei\u00dfen. Darum sucht man andere Malls auf, von denen es ja in Joburg zur Gen\u00fcge gibt, wie beispielsweise Sandton City, die angeblich die gr\u00f6\u00dfte Mall auf der s\u00fcdlichen Erdballh\u00e4lfte sein soll. Von dem \u201eChadstone Shopping Center\u201c in Melbourne, dem \u201eCanal Walk\u201c in Cape Town und dem \u201eGateway Theatre of Shopping\u201c in Durban wird \u00fcbrigens eigenartigerweise das Gleiche behauptet. In Zukunft wird es gewiss noch mehr solcher Konstruktionen geben &#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3567 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-00.51.05-e1519343527834-300x171.png\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"354\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sandton City ist auf den ersten Blick nicht die \u00fcbersichtlichste Mall auf der Welt, aber welche ist das schon? Vermutlich darf sie sich das als Kandidatin der gr\u00f6\u00dften Mall unterhalb des \u00c4quators leisten. Als ich mich das erste Mal hineinbegebe und mich aufgrund der vielen Zwischenetagen, Rolltreppen und Querverbindungen hoffnungslos verlaufe, weder Supermarkt noch die in Reih und Glied nebeneinander stehenden ATM finde, strande ich nach langem Umherirren in einem etwas abstrusen Bereich. Ein Gesch\u00e4ft verwirrt mich besonders mit seinem Angebot und ich komme nicht umhin, es zu betreten. Mit konsterniertem Gesichtsausdruck betrachte ich die Waren, die ich noch nie in einem Gesch\u00e4ft oder sonst irgendwo gesehen habe. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen sie und lachen mir vorwitzig entgegen. Es sind Waffen in jeder Gr\u00f6\u00dfe. Sozusagen f\u00fcr jeden Geschmack ist etwas dabei. Und als w\u00e4re die Tatsache, dass es Waffen in einer Mall zu kaufen gibt, nicht schon schlimm genug, f\u00e4llt mein glasiger Blick auf ein Schild: <em>WEAPONS with NO LICENSE required!<\/em> Diese Mordinstrumente sind also ohne jeglichen Waffenschein erh\u00e4ltlich. Vor meinem geistigen Auge spaziert ein Mann ganz in Schwarz gekleidet, in langem Ledermantel, schweren Stiefeln und Sonnenbrille hinein, begutachtet das Angebot, kann sich allerdings nicht sofort entscheiden, da es wohl verschiedene Anl\u00e4sse zu ber\u00fccksichtigen gilt. Er l\u00e4sst sich seine neue Erstehung nicht einpacken, braucht auch keine T\u00fcte und marschiert mit der neu erworbenen Anschaffung in der Hand mir nichts dir nichts durch die Mall. Ganz nebenbei bef\u00f6rdert er dabei ein paar Leute, deren Nasen ihm zu lang erscheinen, ins Jenseits. Aus meinem Albtraum wieder erwacht verlasse ich v\u00f6llig aus dem Gleichgewicht gebracht das Gesch\u00e4ft und versuche, wie in Trance durch das Labyrinth zu meinem Auto zur\u00fcckzufinden, was mir nicht gelingen will. Kein Wunder!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3560 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-22-at-23.34.50-e1519339490931-300x193.png\" alt=\"\" width=\"616\" height=\"396\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zur\u00fcck zu \u201eRosebank Mall\u201c, die endlich nach anderthalb Jahren fertiggestellt ist, sodass ich gespannt zum Einkaufen dorthin gehen kann. Ein gro\u00dfer Teil von \u201eRosebank Mall\u201c ist unver\u00e4ndert und erinnert weiterhin stark an DDR-Bauzeiten. Fast k\u00f6nnte man den offenen Platz, um den sich die h\u00e4sslichen, kastenf\u00f6rmigen und einfallslosen Betongeb\u00e4ude reihen, Klein-Alexanderplatz nennen. Also marschiere ich neugierig zum neu er\u00f6ffneten Teil, von dem ich nicht wei\u00df, wie er vor der Renovierung aussah. Die verwirrten Gesichter vieler einheimischen Frauen lassen mich ahnen, dass sich Einiges hier bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndert haben muss. Immer wieder h\u00f6re ich, wie die Frauen sich gegenseitig sagen: <em>This is hectic<\/em> oder sich gegenseitig fragen, ob ihnen das renovierte Einkaufscenter gef\u00e4llt und alle scheinen sich in einem einig zu sein: Das jetzige ist schlechter als das alte. Un\u00fcbersichtlich und unnat\u00fcrlich, also <em>chaotic and<\/em> <em>artificial<\/em><em>,<\/em> h\u00f6re ich immer wieder, weil kein Tageslicht hinein dringt. Verwundert h\u00f6re ich ihnen zu und verstehe nicht ganz, was gemeint ist, zumal in keine Mall dieser Stadt Tageslicht eindringen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich besch\u00e4ftigt dieser Umstand herzlich wenig, weil ich zu meinem Entz\u00fccken die Entdeckung gemacht habe, dass ich in diesem Land Damengr\u00f6\u00dfe 36 trage. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas in dieser Gr\u00f6\u00dfe gekauft habe, aber es d\u00fcrfte sicher schon etwas \u00fcber eine halbe Ewigkeit her sein. Meine Freude ist so gro\u00df, dass ich statt einer ben\u00f6tigten Hose gleich zwei zus\u00e4tzliche kaufe, die eigentlich nicht notwendig sind. Stolz wie Oskar w\u00fcrde ich das Schildchen mit der magischen Konfektionsgr\u00f6\u00dfe am liebsten vorne neben den Rei\u00dfverschluss anbringen, damit es auch wirklich jeder sehen kann. Und w\u00fcrde mich jemand einfach anhalten und fragen, so <em>how has your day been so far?,<\/em> so w\u00fcrde ich nach landes\u00fcblichem Usus <em>lekker<\/em> antworten. Begeistert davon, dass ich nicht mehr l\u00e4nger als vollschlank, sondern nunmehr als richtig schlank gelte, ignoriere ich v\u00f6llig den Umstand, dass die schwarzen S\u00fcdafrikanerinnen \u00fcber ausnehmend pralle Hinterteile verf\u00fcgen, bei deren Anblick M\u00e4nner jeder Couleur feuchte H\u00e4nde bekommen. Der Verdacht liegt nahe, dass ihretwegen die Konfektionsgr\u00f6\u00dfen anders angesetzt sind. Nichts desto trotz stolziere ich zum Lift und schwinge die T\u00fcte mit dem wertvollen Inhalt wie ein Teenager hin und her.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3578 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-02.05.27-e1519349235482-300x229.png\" alt=\"\" width=\"629\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine erboste Mitte-F\u00fcnfzigerin scheint meine Freude nicht im Mindesten zu teilen, baut sich neben mir auf und wartet auch auf den Lift. Man sieht ihr an, dass sie ihrem \u00c4rger Luft machen will und es dauert nicht lange, bis sie mit einer unverbl\u00fcmten Offenheit damit herausplatzt: <em>Darling, <\/em><em>do you like this new mall?<\/em> Auf diese Frage bin ich zugegebenerma\u00dfen nicht wirklich vorbereitet, aber die Art und Weise, wie sie fragt, l\u00e4sst eigentlich nur bedingt ein <em>Yes<\/em> zu. Also zucke ich sicherheitshalber mit den Achseln und bringe ein vorsichtiges <em>It\u2019s nice<\/em> heraus, was neutral wirkt und m\u00f6glichst wenig Angriffsfl\u00e4che bietet, w\u00e4hrend ich mir f\u00fcr den Notfall den geeigneten Wortschatz zurechtlege, um ihr die Geschichte mit meinen drei neuen Hosen zu erz\u00e4hlen. Sie scheint meinen gl\u00fccklichen Gesichtsausdruck v\u00f6llig zu ignorieren und geh\u00f6rig etwas gegen so viel \u00dcberdachung zu haben, darum fragt sie mich geradeheraus: <em>Where are we? In freezing Canada? Why isn\u2019t it all open air? <\/em>Was soll ich als Europ\u00e4erin bittesch\u00f6n darauf antworten? Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich erwidern, dass ich es den S\u00fcdafrikanern hoch anrechne, dass sie die Konfektionsgr\u00f6\u00dfen so vorteilhaft verschoben haben und mich seitdem gar nichts mehr hier in dieser Mall an den Berliner Alexanderplatz erinnert, aber mein sechster Sinn verr\u00e4t mir, dass ich es vorziehen sollte, zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls scheint sich das Warten auf den Lift ideal zum Beobachten von Mitmenschen zu eignen. Bei der Gelegenheit lasse ich meine Blicke umherschweifen und sammle Informationen f\u00fcr diese Geschichte. Seitdem ich t\u00e4glich die bunt gekleideten Afrikanerinnen durch die Mall flanieren sehe, ertappe ich mich wiederholt dabei, wie ich mit Farbzusammenstellungen in Schaufenstern flirte, an denen ich all die Jahre hochn\u00e4sig und die Nase r\u00fcmpfend vorbeigegangen bin. Vermutlich wird meine fade schwarz-blau-graue Garderobe bald eine paar Kleckse in munteren Farben abbekommen. Jedes Mal bin ich sowohl von der fantasievollen Erscheinung der schwarzen Frauen als auch von dem gepflegten \u00c4u\u00dferen der schwarzen M\u00e4nner hingerissen. Ganz zu schweigen von ihren t\u00e4nzerischen Darbietungen in Clubs und Bars. Sobald sie auf der Tanzfl\u00e4che erscheinen, k\u00f6nnen auch die besten wei\u00dfen T\u00e4nzer ihre einge\u00fcbten Tanzfiguren kleinlaut einpacken und schleunigst verschwinden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3574\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-01.21.27-e1519346018847-244x300.png\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"701\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die afrikanische Bev\u00f6lkerung des Landes hat eine Vorliebe f\u00fcr geschmackvolle Details und Accessoires, sie haben wohl erkannt, dass sie ihr \u00c4u\u00dferes mit diesem i-T\u00fcpfelchen noch besser zur Geltung bringen k\u00f6nnen. Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwehren, dass sich die Schwarzafrikaner jeden Morgen gr\u00f6\u00dfere M\u00fche vor dem Spiegel geben als die Wei\u00dfen. Die fantastischen H\u00fcte mit weitem Rand, die schwarze Frauen aufsetzen und damit erhobenen Hauptes und mit bed\u00e4chtigem Schritt auf ihren high heels durch die Mall stolzieren, verleihen ihnen etwas Aristokratisches. Oft haben sie ihre Haarpracht geschickt in bunte Turbane gerollt oder eingewickelt, aus denen nur vorne neugierig eine Locke herausschaut. \u00dcberdimensionale Ohrringe, die meist bis zur Schulter reichen, sehen sehr edel aus und runden das gepflegte Make up der Frauen perfekt ab. Das Gleiche gilt f\u00fcr bunte Ketten und jegliche Art von Schmuck. Die gewagtesten Farbkombinationen, an die sich keine wei\u00dfe Frau herantrauen w\u00fcrde, sehen an ihnen wie der letzte Schrei aus Mailand aus. Auch bei f\u00fclliger Oberweite, bei ausladenden Popos und breit angelegten <em>hips<\/em> sieht ein eng anliegender, die kurvenreiche Figur betonender Overall oder ein raffiniert geschnittenes Maxikleid einfach umwerfend aus. Das gleiche Kleidungsst\u00fcck w\u00fcrde bei einer wei\u00dfen Frau mit \u00e4hnlichen vollschlanken Ma\u00dfen nicht zur Geltung kommen, was sage ich, es w\u00fcrde unm\u00f6glich aussehen und unsereins w\u00fcrde sich ernsthaft fragen, ob diese Dame zu Hause \u00fcber keinen Ganzk\u00f6rperspiegel verf\u00fcgt. Ganz abgesehen davon, dass eine f\u00fcllige Wei\u00dfe vermutlich nicht selbstsicher auftreten kann. Nicht so die Afrikanerinnen. Sie verspr\u00fchen beim Vorbeirauschen einen Hauch von Perfektion, auch wenn sie aus den <em>townships<\/em> oder aus den zusammen gekleisterten H\u00fctten kommen. So habe ich beispielsweise meine Perle Pamela, meine Reinemachefrau aus Zimbabwe, nur selten mit dem gleichen outfit gesehen. Sie kommt immer wie aus dem Ei gepellt zu uns und scheint \u00fcber eine reichhaltige Garderobe zu verf\u00fcgen. Wenn man ihnen \u00fcbrigens ein Kompliment diesbez\u00fcglich macht und auch noch betont, dass sie sich geschmackvoller kleiden als die Wei\u00dfen, zucken sie nur selbstbewusst mit den Achseln und kommentieren l\u00e4chelnd deren \u00c4u\u00dferes mit den Worten: <em>Keine Ahnung, warum sich Wei\u00dfe so unvorteilhaft und fade kleiden &#8230;<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3575 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-01.21.06-e1519349718473-300x275.png\" alt=\"\" width=\"614\" height=\"563\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen ersten Tagen ist die Wartezeit vor dem Lift extrem lang. Neben mir steht eine <em>Big Mama<\/em> und ich komme nicht umhin, sie samt der Wickeltechnik, der sie sich bedient, zu bewundern. Mithilfe eines bunten l\u00e4nglichen Tuches hat sie ihr Baby auf ihren breiten R\u00fccken gebunden. Mir wird in diesem Moment bewusst, dass ich hier noch keine schwarze Mutter mit einem Kinderwagen gesehen habe. Oder zumindest kann ich mich nicht eines solchen Bildes entsinnen. Das goldige schwarze Zuckerp\u00fcppchen ist so fest \u00fcber dem wuchtigen Hinterteil der Mutter festgezurrt, dass seine Wange an Mamas R\u00fccken gepresst ist und das s\u00fc\u00dfe M\u00fcndchen vor lauter Druck oval offen steht. Es scheint der Kleinen unm\u00f6glich zu sein, den Kopf in die andere Richtung zu drehen, denn es ist eindeutig keine Pufferzone daf\u00fcr vorgesehen. Tief in diesen Anblick versunken werde ich von einer Dame aus meinen Gedanken gerissen, der mein Halstuch zu gefallen scheint: <em>Oh, I love your scarf<\/em>.\u00a0Das ist das Tolle an S\u00fcdafrika, man wird von Unbekannten angesprochen, man bekommt Liebensw\u00fcrdigkeiten zu h\u00f6ren, man wird angel\u00e4chelt \u2013 aus heiterem Himmel, einfach so! Eine mir v\u00f6llig unbekannte Frau \u00fcberh\u00e4uft mich im Lift mit Komplimenten, <em>Oh my God! I love your shoes. Where did you buy them<\/em><em>? <\/em>Und da Italien als Antwort kommt, zieht sie eine Schnute, rollt mit den Augen und gibt gleichzeitig verdrie\u00dflich zu, <em>I should have known! They are screaming \u201cmade in Italy\u201d<\/em><em>!\u00a0<\/em>Oft sind die S\u00fcdafrikanerinnen nicht nur an meinem \u00c4u\u00dferen interessiert, sondern auch an meinem seelischen Befinden. In der Tiefgarage der Mall geht eine Frau doch tats\u00e4chlich soweit, mich einfach anzuhalten und mich besorgt zu fragen, <em>what\u2019s the matter, my dear, you look sad<\/em>, denn an meinem Gesichtsausdruck k\u00f6nne man erkennen, dass ich traurig sei. In Wirklichkeit f\u00fchle ich mich eigentlich ganz wohl, nur dass ich in diesem verflixten Moment erkannt habe, dass es sich hierzulande als ziemlich schwieriges Unterfangen gestalten kann, seinen Wagen wiederzufinden. Danke jedenfalls der Nachfrage!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ratlos stehe ich mit meinem Einkaufswagen in der Tiefgarage und grase die geparkten Autos ab. Vor mir, hinter mir, eigentlich \u00fcberall sind nur wei\u00dfe Wagen zu sehen. Was f\u00fcr eine verhexte Joburger Angewohnheit, sich wei\u00dfe Autos anzuschaffen. Dabei wird mir bewusst, dass auch wir unsere Wagen in just dieser Farbe gekauft haben, denn jede andere Farbe h\u00e4tte sechs Monate Wartezeit bedeutet. Der Grund daf\u00fcr entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-165 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/20131026_152814_1024-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"627\" height=\"353\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Nummernschild w\u00e4re an dieser Stelle eventuell eine enorme Hilfe, vorausgesetzt ich k\u00f6nnte mich an Selbiges erinnern, aber wie um Himmels Willen soll ich mir au\u00dfer meiner neuen Handynummer, der neuen Festnetznummer, der neuen Adresse samt neuer Postleitzahl nun auch noch die Nummernschilder des neuen Autos merken, die noch dazu keiner Logik unterliegen. Die Deutschen, die f\u00fcr praktische L\u00f6sungen bekannt sind, machen es wieder einmal richtig. Dem deutschen Kennzeichenk\u00fcrzel kann n\u00e4mlich mit wenig Fantasie entnommen werden, f\u00fcr welche Stadt es steht, beispielsweise B f\u00fcr Berlin. Viele deutsche Wagenbesitzer nehmen das Autofahren richtig pers\u00f6nlich und statten ihr Kennzeichen mit ihrem Namensk\u00fcrzel aus, setzen noch ihr Geburtsdatum, die Jahreszahl ihrer Hochzeit oder Scheidung ein, auf jeden Fall eine Zahl, die an etwas Privates erinnert und nicht von irgendwoher kommt, wie jetzt bei mir. Wie in aller Welt soll ich mir bitte sch\u00f6n BZ 19 WP GP merken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann und nachdem ich mit meinem Einkaufswagen ungeduldig die G\u00e4nge auf und ab rolle, dabei wiederholt den Funkschl\u00fcssel bet\u00e4tige und meine Verwirrung in Gereiztheit umschl\u00e4gt, leuchten neben mir die Lichter eines Qashqai auf und ein bekannter Laut dringt an mein Ohr. Sichtlich genervt verfrachte ich den Inhalt des Einkaufswagens in den Kofferraum und steuere mit dem K\u00e4rtchen zwischen den Lippen auf den Schlagbaum zu, im festen Glauben, dass man kurz davor das K\u00e4rtchen nur zu z\u00fccken und es zielgerecht in den im Apparat daf\u00fcr vorgesehenen Schlitz zu stecken braucht. Ich gebe mir die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche dabei, m\u00f6glichst nah, aber aus begreiflichen Gr\u00fcnden auch nicht zu nah an den Apparat zu kommen. Zufrieden \u00fcber den idealen Abstand, \u00f6ffne ich das Fenster und sehe pl\u00f6tzlich &#8230; einen Hosenschlitz vor mir.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3581 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-01.49.32-e1519349819747-300x123.png\" alt=\"\" width=\"618\" height=\"253\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziemlich irritiert \u00fcber diesen doch recht ungew\u00f6hnlichen Anblick so direkt vor dem Autofenster tastet mein Blick den dazu geh\u00f6rigen Angestellten in Uniform ab. Dieser ist wohl seit geraumer Zeit direkt neben dem Apparat aufgebaut, was mir in meinem \u00c4rger \u00fcber die \u00fcbertrieben hohe Anzahl von wei\u00dfen Autos v\u00f6llig entgangen ist. Mit einem nicht gerade von Intelligenz zeugenden Blick schaue ich ihm in die schwarzen Augen und er nimmt mir das K\u00e4rtchen g\u00f6nnerhaft aus dem Mund, um es h\u00f6chstpers\u00f6nlich in den Apparat bzw. in den Schlitz hineinzustecken. <em>Thank you<\/em>, kommt es nett aus seinem Mund, so als h\u00e4tte ich gerade Wunder was vollbracht. <em>Pleasure<\/em>, fl\u00fcstere ich und frage mich, wof\u00fcr er sich eigentlich bedankt, wo er doch die ganze Arbeit geleistet hat. <em>Have a lekker day,<\/em> w\u00fcnscht er mir noch auf s\u00fcdafrikanische Art und Weise und ich bringe nur ein einfallsloses <em>you too<\/em> hervor. Ich frage mich, f\u00fcr wie unf\u00e4hig Autofahrer hierzulande gehalten werden, dass sie allen Ernstes solch einer Hilfestellung bed\u00fcrfen. Erst sehr viel sp\u00e4ter erfahre ich, dass es sich um eine der vielen Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen handelt, um die Arbeitslosenrate zu senken. Wie in Trance gebe ich Gas, fahre unter dem Schlagbaum hindurch und an dem Schild vorbei, das einem ebenfalls einen netten Tag w\u00fcnscht: \u201e<em>We wish you a sparkling day<\/em>\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3577 aligncenter\" src=\"https:\/\/homeiseverywhere.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Screen-Shot-2018-02-23-at-01.55.32-e1519347478753-300x254.png\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"521\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Herzlichen Dank an Ute Petkakis f\u00fcr das Gegenlesen!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Copyright 2018 Christina Antoniadou \/ All rights reserved<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christina Antoniadou In Johannesburg geht man das Geldausgeben v\u00f6llig entspannt an. Das ist daran zu erkennen, dass es die potenziellen K\u00e4ufer nicht sonderlich eilig haben. Einige bringen es tats\u00e4chlich fertig, durch die (Shopping-) Malls zu trotten und zu schlurfen, als h\u00e4tte man ihnen die Schn\u00fcrsenkel zusammengebunden. 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